Begegnungen mit St. Nirgendwo

Erinnerungen an die verlorenen Gotteshäuser in Berlins Mitte

SPRENGUNG der Georgenkirche 1949
Foto: Archiv Mauersberger

Einst prägten in der alten Mitte Berlins zahlreiche Gotteshäuser das Gesicht der Stadt. Sie waren Treffpunkte der Stadtgesellschaft und zeugten auch von den regen Zuwanderungen in der Vergangenheit: Französische Klosterkirche, Böhmische Kirche, Englische Kirche… Mehr als zwei Dutzend dieser Sakralbauten sind seit dem Zweiten Weltkrieg verschwunden, Opfer der Kriegszerstörungen, aber auch rücksichtsloser Abrisswut in den Nachkriegsjahren. Nichts erinnert mehr an sie außer hier und dort eine Tafel oder eine Markierung im Pflaster.

Gegen dieses Vergessen wendet sich die Arbeitsgruppe "Verlorene Gotteshäuser in der Berliner Mitte" beim Bürgerverein Luisenstadt, leider mit nur geringer Unterstützung aus öffentlicher Hand. Nach jahrelanger ehrenamtlicher Arbeit gestaltete die Gruppe die sehr informative Ausstellung "St. Nirgendwo!", an deren Kosten sich der Förderkreis Alte Kirchen beteiligte. Nur bis Ende November hat sie Asyl in der St.-Thomas-Kirche Berlin-Kreuzberg, und es wäre wünschenswert, dass sie einmal eine bleibende Heimstatt findet.

VISION: Die Petrikirche in ihrem heutigen Umfeld
Zeichnung Dr. Ludwig Krause

Die Ausstellung lässt mit historischen Fotos, Luftaufnahmen und Zeichnungen sechzehn der verschwundenen Gotteshäuser noch einmal sichtbar werden. Erläuternde Texte erzählen vom Schicksal der sakralen Bauten. Erinnert wird u. a. an die Jerusalem-Kirche auf einem heute nicht mehr erkennbaren Platz, die Georgenkirche am Alexanderplatz, die Dorotheenstädtische Kirche, die St.-Andreas-Kirche am Ostbahnhof, über deren Fundamente heute ein Trampelpfad führt, und auch an die abgetragene Synagoge in der Johannisstraße. Die Ruine der Luisenstädtischen Kirche wurde 1964 gesprengt, weil sie das Sichtfeld im Grenzgebiet einschränkte. Auf Veranlassung des Vorsitzenden des Bürgervereins Luisenstadt, Volker Hobrack, sind 2009 archäologische Grabungen unter Leitung des Landesdenkmalamtes durchgeführt und die im Boden befindlichen Baurelikte fachgerecht aufgenommen worden. Leider fehlt das Geld, diese Arbeit fortzusetzen.

Beeindruckend sind die Bilder von Dr. Ludwig Krause, der die verschwundenen Gotteshäuser mit seinem Zeichenstift wieder auferstehen lässt inmitten ihres heutigen Umfeldes, zwischen Hochhäusern und Einkaufszentren.

Selbst geschichtsinteressierte Berliner kennen die verlorenen Kirchen der Innenstadt kaum noch. "Ihre einstigen Standorte aber sollten durch deutlich erkennbare Gestaltungen dem Alltag wieder enthoben werden und ihren gebührenden Platz im Gedächtnis der Stadt erhalten", sagt Dr. Benedikt Goebel, Co-Kurator der Ausstellung.

Wenn jetzt der Senat eine umfassende Diskussion über die künftige Innenstadtgestaltung angestoßen hat, dann sollte auch die Wiederentdeckung ihrer Geschichte eine Rolle spielen.

Eva Gonda