Den Einführungs-Vortrag beim dritten Treffen der Uckermärkischen Fördervereine am 21. Oktober 2003 in Gollmitz hiehlt der Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, Bernd Janowski, zum Thema "Kulturlandschaft Uckermark und die Erhaltung ihrer Dorfkirchen":

 

Sehr geehrter Herr Landrat Schmitz, sehr geehrter Herr von Chamier, sehr geehrte Damen und Herren!

Vertreter von Vereinen und Initiativen, die sich ehrenamtlich (und das heißt unentgeltlich und in ihrer Freizeit) für die denkmalpflegerischen Instandsetzung und Erhaltung ihrer Dorfkirchen sowie zum Teil weiterer historischer Bauten einsetzen, sind heute hier zusammengekommen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, ihre Erfahrungen auszutauschen und um die Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit der Politik (in diesem Fall mit dem Landkreis) zu diskutieren. Deshalb möchte ich mich mit meinen Äußerungen auch kurz fassen, da das Gespräch im Mittelpunkt des heutigen Abends stehen soll.

Zum Anfang ein Zitat, das über hundert Jahre alt und dennoch sehr aktuell ist:
"Der Staat kann, so unerlässlich sein Eingreifen ist, die Aufgabe nur halb lösen. Der Staat hat nicht Augen genug, er kann nicht all das viele und kleine, auf das es ankommt, sehen; ... einen ganz wirksamen Schutz wird nur das Volk selbst ausüben, und nur wenn es selbst es tut, wird aus den Denkmälern lebendige Kraft in die Gegenwart überströmen."
(Georg Dehio 1902 anlässlich der Veröffentlichung des Denkmalschutzgesetzes für das Großherzogtum Hessen-Darmstadt)

Der Staat braucht also den Bürger, um eine wirksame Denkmalpflege betreiben zu können. Die engagierten Bürger brauchen jedoch im Umkehrschluss auch den Staat (damit meine ich alle Ebenen vom Bund über Land und Landkreis bis zur Kommune), um aus ihrem bürgerschaftlichen Engagement auch wirkungsvolle Ergebnisse ziehen zu können. Manchmal drängt sich jedoch die Frage auf, ob sich mit dem bürgerschaftlichen Engagement, mit Fördervereinen, Stiftungen, mit privaten Sponsoren nicht der heimliche Wunsch erfüllt, sich der oft als überflüssigen Ballast angesehenen denkmalpflegerischen Aufgaben zu entledigen.

In letzter Zeit ist in touristischen Werbebroschüren, aber auch in Politikerreden von der "Kulturlandschaft" Uckermark die Rede. – Was macht nun diese Kulturlandschaft aus?
Eine von vielen Definitionen sagt:
"Die Kulturlandschaft ist der von Menschen nach ihren existentiellen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ästhetischen Bedürfnissen eingerichtete und angepasste Naturraum, der im Laufe der Zeit mit einer zunehmenden Dynamik entstanden ist und ständig verändert sowie umgestaltet wurde und noch wird."

Die Naturlandschaft ist das Betätigungsfeld der Geologen, Geographen, Biologen, Klimatologen, Bodenkundler usw. Die Kulturlandschaft hingegen steht im Brennpunkt der Kulturwissenschaften: Archäologie, Geschichte, Ethnologie, aber auch Literatur, Musik, Religion, Architektur. Und erst das Zusammengehen dieser einzelnen Gebiete macht das aus, was man mit einiger Berechtigung als Kulturlandschaft bezeichnen kann.

Die Uckermark hat eine Vielzahl kultureller Einzelaktivitäten zu bieten, sie verfügt über einen hohen Denkmalbestand, was neben der reizvollen Landschaft auch zu ihrer Attraktivität beiträgt. Im Hinblick auf ihre wirtschaftlichen Probleme fällt mir der Satz von Joseph Roth ein (geprägt 1926 über seine Heimat Galizien): "Es gibt hier mehr Kultur, als die mangelhafte Kanalisation vermuten lässt." – Das sage ich ohne hämischen Unterton und meine damit nur, dass Kultur neben einer funktionierenden Wirtschaft zu den Grundbedürfnissen der Menschen in der Region gehört und genauso förderungswürdig ist.

In der Verfassung des Landes Brandenburg heißt es (Art. 34, Abs. (2) ): "Das kulturelle Leben in seiner Vielfalt und die Vermittlung des kulturellen Erbes werden öffentlich gefördert. Kunstwerke und Denkmale der Kultur stehen unter dem Schutz des Landes, der Gemeinden und Gemeindeverbände." Eine ähnliche Formulierung findet sich in der Landkreisordnung.

Natürlich leugnet niemand die riesigen finanziellen Probleme der öffentlichen Hand auf allen Ebenen. Ich denke jedoch, dass es ein falscher Weg ist, wenn als einer der ersten Streichposten immer und überall der (zumeist ohnehin bescheidene) Kulturhaushalt herhalten muss. Mit Einsparungen im Kulturbereich ist es noch nie gelungen, ein Haushaltsdefizit abzubauen. Und ich glaube, dass der Landkreis Uckermark auch als attraktiver Standort Schaden nimmt, wenn Fahrbibliotheken im ländlichen Bereich abgeschafft werden, wenn das Preußische Kammerorchester durch die Umwandlung ihrer Arbeitsverträge in Honorarverträge zu einem drittklassigen Provinzorchester wird oder auf dem selben Wege die Musikschule des Landkreises den Bach herunter geht.

Zurück zur Denkmalpflege:
Am 22. Juni diesen Jahres sprach die Bundesauftragte dür Kultur und Medien, Frau Staatsministerin Christina Weiß in Hannover zum "71. Tag der Denkmalpflege"; sie sagte dort unter anderem: "Für mich ... gehörten und gehören bürgerschaftliches Engagement, Privatinitiative und Ehrenamt zu den unverzichtbaren Säulen jedweder Kulturpolitik. ... Gerade in der Förderung von Kunst und Kultur bereichern und ergänzen sie die Instrumente des Staates, und für mich ist das private Engagement nicht ohne das öffentliche denkbar; das öffentliche schon gar nicht ohne das private." – Schöne Worte. Weiterhin lobte Frau Weiß "das "Sonderprogramm Dach und Fach", das bisher mit rund 40 Millionen Euro 1.200 Baudenkmale sichern half." – Knapp drei Wochen später verkündete Frau Weiß die ersatzlose Streichung des "Dach und Fach" – Programms zum Jahresende. Von der Streichung ebenfalls betroffen ist das Bundesprogramm "Kultur in den neuen Bundesländern". Auf ein Protestschreiben erhielten wir die Antwort: "Mehr als 12 Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten erscheint mir eine flächendeckende Förderung der kommunalen kulturellen Infrastruktur in den neuen Ländern durch den Bund nicht mehr vorrangig zu sein." – Wir laden Frau Staatsministerin Weis gern zu einer Rundfahrt durch die Uckermark ein!

Weiter heißt es in dem Brief: "Es liegt jetzt an den neuen Ländern, die Kultur im Rahmen der aufgezeigten alternativen Fördermöglichkeiten angemessen an der Schwerpunktaufgabe Aufbau Ost zu beteiligen." – Nun ist Brandenburg leider das Bundesland mit den geringsten Ausgaben im Bereich Kultur, speziell auch für die Denkmalpflege. Wenn der Druck zur Kofinanzierung des "Dach und Fach" – Programms wegfällt, kann die Bereitschaft des Landes zu eigenen Denkmalpflegeausgaben leicht noch mehr sinken.

Noch eine Ebene tiefer: Es gibt – das sei zur Ehrenrettung der Uckermark gesagt – Landkreise in Brandenburg, die über gar keinen eigenen Denkmalpflegefonds mehr verfügen. Hier sind es wenigstens noch 150.000 Euro pro Jahr, was angesichts der riesigen Summe wetrtvoller Baudenkmale wenig genug ist.

Schauen wir als letztes auf die Kommunen: Durch die Änderung des Gemeindefinanzierungsgesetzes im Jahr 1995 wurden die Mittel für den Denkmalschutz aus dem Landeshaushalt in die Verfügungsgewalt der Kommunen übertragen. Es gibt jedoch keine Zweckbindung von Seiten des Landes und so bleibt die Denkmalpflege gegenüber dem Bau neuer Buswartehäuschen oder der Installierung neuer Straßenlaternen oft genug auf der Strecke.

So viel zur Bestandsaufnahme. Um so wichtiger bleibt der ehrenamtliche Einsatz vor Ort und es ist kein Zufall, dass gerade in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation und Unsicherheit bürgerschaftliches Engagement zunimmt.

Denkmalpflege, speziell die Erhaltung und Instandsetzung von Dorfkirchen sind kein reiner Selbstzweck:

  1. Unsere Kirchengebäude stellen zumeist die letzten verbliebenen öffentliche Orte im Dorf dar und sind wichtige Zeichen der Identifikation – und das weit über die Grenzen der Kirchengemeinden hinaus.
  2. Intakte Denkmale sind neben vielem anderen ein Standortfaktor und erhöhen die Attraktivität für Investoren oder Neubürger.
  3. Denkmalpflege ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und Überlebensgarant für zahlreiche kleine und mittlere Handwerksbetriebe. Im Vergleich zum Neubau werden in der Denkmalpflege die meisten Mittel für Personalkosten aufgebracht. Der Arbeitsmarkt profitiert erheblich von denkmalpflegerischen Maßnahmen. – Abgesehen davon holt der Staat sich mit der 16%igen Mehrwertsteuer einen großen Teil der Fördermittel wieder zurück.
  4. Der Tourismus ist einer der wenigen Wirtschaftszweige, der positive Entwicklungen vermelden kann. Ohne Kultur im allgemeinen und ohne gepflegte Denkmale im Besonderen ist Tourismus nicht denkbar.
  5. Die Erhaltung von Denkmalen ist eine wichtige Bildungsaufgabe. Ohne Besinnung auf die eigene Geschichte ist die Bewältigung von Gegenwart und Zukunft nicht denkbar. Im Bereich der Dorfkirchen kommt hinzu: Ohne Grundkenntnisse der christlichen Symbolik ist die abendländische Kultur nicht zu verstehen.
  6. Der gemeinsame Umgang mit dem zumeist wichtigsten Gebäude im Ort fördert die Dorfgemeinschaft und stärkt die soziale Zusammengehörigkeit. Nicht selten werden ursprünglich als Kirchbauvereine entstandene Initiativen zu wichtigen Motoren für die gesamte Dorfentwicklung.
  7. Und das sage ich an die Adresse der Kirche als Institution: Die Erhaltung von (zum Teil sicher selten genutzten) Dorfkirchen ist auch kirchliche Öffentlichkeitsarbeit. Wo der Kirchturm eingestürzt ist, ist Kirche auch als Institution nicht mehr präsent.

Ich erspare mir in diesem Rahmen Beispiele für erfolgreiche Aktionen von Fördervereinen. Zum einen sind gerade Ihnen viele Erfolge, aber auch die Schwierigkeiten bei der täglichen Arbeit am besten bekannt. Zum anderen wäre es ungerecht, einzelne hervorzuheben, die vielleicht bisher mehr Glück bei der Einwerbung von Spenden oder Fördermitteln hatten.

Zum Abschluß meiner Ausführungen noch zwei kurze Anmerkungen:

  1. Ich begrüße die Einrichtung einer Bürgerstiftung der Uckermärkischen Sparkasse für Kultur und Denkmalpflege und gratuliere herzlich zur erfolgten Einrichtung derselben. Allerdings sollte diese Stiftung nicht nur der Finanzierung von Pflichtaufgaben des Kreises und der Kommunen dienen. Da Kultur und Denkmalpflege ohne das breite bürgerschaftliche Engagement zahlreicher Ehrenamtlicher nicht mehr denkbar ist und um ihren Namen Bürgerstiftung mehr Gewicht zu geben, wünschte ich mir im Beirat neben dem Landrat und den Bürgermeistern der großen Städte auch Vertreter von Bürgerinitiativen.
  2. Menschen, denen die Erhaltung ihrer Dörfer und ihrer Denkmale am Herzen liegen und Menschen, die sich in der Uckermark auf andere Weise ehrenamtlich für die Erhaltung und Förderung von Kultur und Umwelt einsetzen, sollten sich stärker artikulieren und sich noch mehr in die Belange der Politik einmischen. Es ist erstaunlich und erfreulich, wie viele Vereine, Initiativen und engagierte Einzelkämpfer es in dieser Region gibt. Es wäre wünschenswert, dass die Abstimmung und Koordinierung untereinander zunimmt. Forderungen und Anliegen lassen sich besser durchsetzen, wenn sie von einer breiten Bürgerbewegung und nicht von vielen engagierten Einzelkämpfern vertreten werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns eine erfolgreiche Diskussion.