Retter für bedrohte Dorfkirchen gesucht

Kirchengemeinden mit Erhalt oft überfordert / Zwei Gotteshäuser sollten bereits abgerissen werden

von Susanne Rost

Die Dorfkirche von Jakobshagen
Sichtbar schief ist schon der Turm der Kirche des Uckermark-Dorfes Jakobshagen.
Etwa 200 bis 300 Gotteshäuser weisen derart massive Bauschäden auf.

KÜSTRINCHEN. Es ist lebensgefährlich, in Kirchen zu gehen - zumindest in manche von ihnen. Etliche Dorfkirchen Brandenburgs sind so marode, dass sie einsturzgefährdet und deshalb baupolizeilich gesperrt sind. Etwa 200 bis 300 Kirchen sind nach Einschätzung von Experten in ihrem Bestand bedroht; jedes zweite der mehr als 1600 Gotteshäuser müßte saniert werden.

Beispielsweise die Kirche in Küstrinchen, einem kleinen Dorf in der Uckermark. 45 Menschen leben hier, neun sind Christen. In der Kirche von Küstrinchen wird seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gepredigt. Stattdessen lagerten Bauern hier zeitweise Tabak und Getreide.

Steine aus Altartisch gebrochen

Schon von weitem sieht man die Löcher im Dach. Im Kirchenschiff stützt ein riesiges Baugerüst die Zwischendecke ab. Aus dem gemauerten Altartisch sind Steine herausgebrochen, Reste des Gestühls verfaulen in einer Ecke.

So beschreibt Bernd Janowski die Kirche. Der 44-Jährige engagiert sich im Förderkreis Alte Kirchen. Er wurde 1990 in Berlin gegründet und zählt inzwischen rund 120 Mitglieder. Der kirchlich unabhängige Verein hat es sich zum Ziel gesetzt, Brandenburger Gotteshäuser zu erhalten, ihre Sanierung zu fördern und neue Nutzungen zu finden.

Bedarf: 500 Millionen Mark

Dorfkirche von Küstrinchen
Decke marode. Altar kaputt:
die Kirche von Küstrinchen.

Zu DDR-Zeiten strafte der atheistische Staat die Kirchen mit Nichtbeachtung. Heute leiden die Sakralbauten darunter, dass sie kaum genutzt werden. Nur zwei Prozent der Bevölkerung besuchen Gottesdienste, sagt die offizielle Statistik. Damit sich die kleine Schar der Versammelten nicht so verloren vorkam, verlegten Pfarrer die Gottesdienste oft in weniger geräumige Nebengebäude. Das wiederum beschleunigte den Verfall der oft denkmalgeschützten Kirchen.

"Die kleinen Kirchengemeinden können die notwendigen Bauarbeiten an ihren Gotteshäuser oft gar nicht mehr finanzieren", sagt auch Landeskonservator Detlef Karg.

Zweieinhalb Millionen Mark hat die evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg eigenen Angaben zufolge po Jahr für Baubeihilfen zur Verfügung. Rechnet man dazu die Eigenanteile, Spenden und Förderungen der öffentlichen Hand hinzu, kommt man auf jährlich etwa 22 Millionen Mark, die dafür verwendet werden, um Gotteshäuser in ihrem Bestand zu sichern, sagt Matthias Hoffmann-Tauschwitz, der stellvertretende Leiter des kirchlichen Bauamtes der evangelischen Kirche. "Damit können nur so viele Bauschäden beseitigt werden, wie im gleichen Zeitraum andernorts entstehen." Er schätzt, dass 500 Millionen Mark notwendig wären, um die Brandenburger Gotteshäuser zumindest im Wesentlichen zu sichern. Exakt diese Summe haben Kirchen, Bund und Land in den vergangenen zehn Jahren schon in die Gotteshäuser Brandenburgs investiert.

Dennoch: Für zwei Kirchen lagen dem kirchlichen Bauamt schon Abrissanträge vor. Obwohl es in einem Fall sogar schon zugestimmt hatte, blieb das Gotteshaus stehen.

Bankfiliale in Gotteshaus

In der Kirche von Milow, einem Dorf bei Rathenow (Havelland), befindet sich seit Dezember 1999 eine Bankfiliale. "Wenn ich heute daran vorbei fahre, weiss ich nicht, ob ich mich freuen oder ob ich weinen soll", sagt Bernd Janowski vom Förderkreis "Alte Kirchen". Der Verein hat sich damals dafür stark gemacht, dass das Gotteshaus nicht abgerissen wird.

Auch die andere Kirche, für die ein Abrißantrag gestellt wurde, steht heute noch. Der Förderkreis kaufte die Dorfkirche von Saaringen, einem Ort bei Ketzin, organisierte Geld und Spender für die Sanierung. Heute leuchtet das Kirchlein gelb zwischen den Bäumen an der Havel hervor. Gerettet hat der Förderkreis auch die Kirche von Messdunk, einem Dorf bei Brandenburg/Havel. Für 500 000 Mark hat er die Kirche saniert. Anschließend siedelte sich dort der Verein "just" an, der dort Jugend- und Sozialarbeit betreibt.

100 Förderkreise für Kirchen

Inzwischen ist der Förderkreis dazu übergegangen, nicht mehr selbst als Bauträger zu fungieren, sondern lokale Initiative zu fördern, die die Kirche des Ortes erhalten wollen. Etwa 100 solcher Organisationen gibt es in der Region, sagt Janowski. Ein halbes Dutzend solcher Vereine habe inzwischen die Kirche seines Ortes gepachtet. In den Kapellen und Kirchen würden nun Konzerte, Ausstellungen und andere Veranstaltungen organisiert und die Einnahmen dafür verwandt, um das Gebäude zu erhalten. "Ohne das Engagement solcher Arbeitsgruppen sind die Kirchgemeinden damit überfordert, ihren Gotteshäuser zu erhalten", sagt Janowski. "Ohne sie wären schon viele Denkmale den Bach runter gegangen."

Kirchen als Wohnraum

Zwei Brandenburger Dorfkirchen sollen seinen Abgaben zufolge zum Verkauf ausgeschrieben sein. Mindestens eine wurde in der Vergangenheit auch schon an einen Privatmann verkauft: die von Buchholz (Oberhavel). In dem einst einsturzgefährdeten Fachwerkkirchlein richtete sich ein Berliner Professor eine "Atelierwohnung" ein.

Der Förderkreis "Alte Kirchen" sieht das mit Skepsis. "Denn die Kirchen sind inzwischen in den Dörfern oft das letzte öffentliche Gebäude", sagt Janowski. Die Evangelische Landeskirche lehnt diese Art der Nutzung ab. "Die gemeinwesenhafte Nutzung hat Priorität vor jeder introvertiert-privaten", sagte der Fachmann vom Kirchlichen Bauamt. Aber es gäbe viele Anfragen von Berlinern, die aufs Land ziehen wollten und die es romantisch fänden, in einer Kirche zu wohnen.


 
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