GRÜNER BAUM DES LEBENS

Kaum ist das Auto hinter einer Biegung verschwunden und die Stille auf der kleinen Straße wieder eingekehrt, kann man sie hören: viele hundert Bienen, Hummeln und Wespen, die sich summend an den Früchten alter Maulbeerbäume laben. Menschen machen den Tierchen nur selten Konkurrenz. An diesem Nachmittag interessiert sich lediglich ein Spaziergänger für die dunkelblauen und weißen Beeren. Während der Labrador-Mischling Sissi in dem kniehohen Gras nach Fährten wittert, sammelt Peter-Anton von Arnim gerade so viel Früchte, wie seine Hand tragen kann. "Probieren Sie mal", sagt er und wischt sich mit der anderen Hand über den vom Beerensaft blau gefärbten Schnurrbart. Der fad-süßliche Geschmack ist dem 67-Jährigen seit seiner Kindheit vertraut, die er hier auf den Alleen und in den Wäldern des ehemaligen Gutes Zernikow verlebte.

Zwei Jahre vor Ausbruch des Weltkrieges, der seine Familie die Besitztümer Zernikow, Wiepersdorf und Bärwalde kostete, wurde Peter-Anton von Arnim als viertes Kind des Freiherrn Friedmund von Arnim in dem barocken Gutshaus geboren. Der Dichter Achim von Arnim ist sein Ururgroßvater. Über den idyllischen Ort im Neuruppiner Land schrieb dieser einst an seine Ehefrau Bettina: "In Zernikow gewesen, wo ich glückliche Tage der Kindheit in Vergleich mit den übrigen zubrachte."

Eine vernachlässigte Sandscholle

Knapp 200 Jahre später atmet sein Nachkomme bei der Frage nach den Kindheitserinnerungen erst einmal tief durch: "Blumen, Schmetterlinge und Käfer", antwortet von Arnim. "Diese und andere Naturwunder" haben ihn als Jungen auf seinem Schulweg begleitet. Den abenteuerlichen Pfad vom Gutshaus, vorbei an dem Erbbegräbnis seiner Vorfahren, bis zur einklassigen Volksschule hat er nie vergessen. Als von Arnim Zernikow nach der Wende zum ersten Mal wieder betrat, fand er den einst endlos wirkenden Schulweg auf ein paar Schritte zusammengeschnurrt. In jenem Moment "wurde mir bewusst, wie vielgleisig die Entwicklung der Wirklichkeit abläuft", schrieb er später. Zwar war der Ort seiner Kindheit auf ewig verloren, aber vor ihm lag nun ein neuer Weg, den er seit drei Jahren wieder regelmäßig beschreitet.

Vielleicht war es jene "Arnimsche Plötzlichkeit", von der schon seine Mutter Clara in ihren Erinnerungen "Der grüne Baum des Lebens" zu berichten weiß, die Peter-Anton von Arnim 2001 aus dem hessischen Eschborn in sein Heimatdorf zurückkehren ließ. Clara von Arnims Autobiografie, niedergeschrieben von ihrem Sohn, trug entscheidend dazu bei, dass sich Zernikow seiner literarischen Vergangenheit besann: Dichter Achim hatte hier sein Erstlingswerk, den Briefroman "Hollins Liebesleben", verfasst und auch Theodor Fontane war nicht umhin gekommen, dem Dorf ein Kapitel in seinem Ruppiner Abschnitt der "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" zu widmen. Ausführlich beschreibt er darin, wie Friedrich der Große seinem Kammerdiener Michael Gabriel Fredersdorff anlässlich der Thronbesteigung 1740 Zernikow zum Geschenk machte. Fredersdorff "fand eine vernachlässigte Sandscholle vor und hinterließ ein wohlkultiviertes Gut", schrieb Fontane. Auf dem Anwesen nahe Rheinsberg ließ Fredersdorff neben einem neuen Haupthaus auch eine Plantage mit 8000 Maulbeerbäumen errichten. Die Hugenotten hatten mit der Seidenraupenzucht einen neuen Industriezweig nach Preußen gebracht, in dem sich der umtriebige Liebling des Königs ebenfalls versuchen wollte. In einem eigens für die Zucht erbauten Haus hielt Fredersdorff die empfindlichen Seidenraupen, denen die Blätter seiner Maulbeerbäume offenbar schmeckten: In einem ertragreichen Jahr konnte der neue Gutsherr 84000 Pfund gehaspelter Seide für 54000 Taler verkaufen. Nach Fredersdorffs Tod im Jahre 1758 gab seine Witwe, die Bankierstochter und spätere Dichtergroßmutter Caroline Elisabeth Daum, die Seidenproduktion allerdings auf. Von der einstigen Plantage blieb nur die beschauliche Straße übrig, die heute als einzige Brandenburger Maulbeer-Allee ihrem Namen noch alle Ehre macht und mit dem ursprünglichen Bewuchs aufwartet

Auf ihr stehen zwischen den alten knorrigen Maulbeerbäumen sogar wieder einige junge Bäumchen . Gepflanzt hat sie die Initiative Zernikow e.V., die sich seit 1992 um den Erhalt des landschaftlichkulturellen Erbes im Orte bemüht. Das Maulbeerblatt, welches der Verein zum Signet wählte, wirkt wie ein Bekenntnis zur historischen Einzigartigkeit des 180-Seelen-Dorfes: "Jedes Blatt hat eine individuelle Form", sagt Peter-Anton von Arnim und reißt zum Beweis ein hellgrünes, unregelmäßig gezacktes Blatt vom Baum. Er selbst ist ebenfalls Mitglied der Initiative, die sein 1997 verstorbener ältester Bruder Achim gegründet hat.

Dieser kehrte nach der Wende als erster in sein Heimatdorf zurück und wurde dort zunächst misstrauisch als alter Junker beäugt. Vielleicht wollte so einer ja "was wieder haben". Achim von Arnim mochte lieber geben. In dem über Jahre verwohnten und teilweise verfallenen Gutshaus sollte eine Ausbildungsstätte für Solarenergie entstehen. "Er hatte wirklich Großes vor", sagt sein jüngerer Bruder und zuckt mit den Schultern als Zeichen des Bedauerns, dass aus dem Projekt nichts wurde. 1995 kaufte eine lokale Beschäftigungsgesellschaft den Besitz der Treuhand ab und saniert seitdem Hand in Hand mit der privaten Initiative. Für die komplette Restaurierung des Gutshauses fehlen noch immer die Gelder .

Tom Cruise im alten Gutshaus

Zwar sieht der alte Knobelsdorff-Bau nicht mehr ganz so bejammernswert aus wie zu Beginn der neunziger Jahre, als aus den Regenrinnen das Moos quoll und auf dem Dach die Ziegel fehlten, dooh die Fassade bröckelt weiter und mancher Innenraum hat den Charme einer demolierten Altbauwohnung.

Aus den Angeln gehobene Pressspan-Türen versperren den Weg oder lehnen an kahlen Wänden. Ein ehemaliger Bewohner hat seine Spur in Form von alten Bravo-Aufklebern hinterlassen: Bunte Bilderchen mit Tom Cruise als amerikanischer Soldat in "Geboren am vierten Juli". Der Film kam 1989 in die Kinos. Damals war das Schloss ein normales Mehrfamilienhaus, durch dessen Räume Peter-Anton von Arnim heute klaglos geht. Er selbst lebt zur Miete in einem bescheidenen Bungalow. "In dem Zimmer wurde ich geboren". Er deutet auf einen schlicht hergerichteten Raum, in dem sich nun eine Ausstellung über Seidenbau befindet. In einem Pappkarton rekeln sich graue, zeigefingergroße Raupen auf einem Teppich aus Maulbeerblättern. Es sind die letzten Exemplare aus der diesjährigen Zernikower Zucht.

Ein Seidenkokon als Überraschungsei

Eine Raupe hat bereits mit der Verpuppung begonnen. In vier Tagen wird statt ihrer ein eiförmiger Kokon, gesponnen aus einem 4000 Meter langem Seidenfaden, in dem Kistchen liegen. In seinem Innern kann sich seelenruhig ein weißer Falter entwickeln, der nicht wie die echten Zuchtkokons in einem Wasserbad enden wird, aus dem dann die Seidenfäden gekämmt werden. "Alles nur zu Anschauungszwecken", beschwichtigt die Ausstellungswärterin, als könne die sensible Raupe sie verstehen. In einer Keramikkanne sammelt sie die fertigen Kokons, in denen die Seidenpuppen klappern wie das Plastespielzeug in einem Überraschungsei. Seit einigen Jahren züchten Mitglieder der Initiative wieder Seidenraupen, die sie im Sommer zur Dorfattraktion mutieren lassen. Zum Maulbeerfest im Juli kommen die Besucher von weither, um neben den jüngsten Verwandlungen an historischen Gebäuden auch die Metamorphosen der Seidenraupen zu bestaunen.

Oder sie lauschen bei einem Glas Maulbeer-Likör einem Arnimschen Märchen, vorgetragen von seinem Nachfahren höchst persönlich. Die Rolle des Geschichtenerzählers scheint der Literaturwissenschaftler und ehemalige Buchhändler Peter-Anton von Arnim gern auszufüllen. Wann immer sich Fremde auf die Spuren der Arnimschen Familie machen wollen, schließt der Freiherr bereitwillig die Dorfkirche auf, wo die Porträts seiner Zernikower Vorfahren hängen und erzählt die Geschichte vom seligen Fredersdorff und seinen 8000 Maulbeerbäumen.

Die Ausstellung "Seidenbau" auf Gut Zernikow ist bis 17. Oktober Mo-Do 10-15 Uhr, Fr 10-12 Uhr, So 14-17 Uhr geöffnet. Infos unter Tel. 0 30 82/5 12 88.

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