BAUFACHMANN AUS BERGHOLZ-REHBRÜCKE REGT DEUTSCHLANDWEITE AKTION AN

Ein "Tüv" für Denkmäler

THOMAS VIEWEG

B.-REHBRÜCKE Jeder Autofahrer kennt die Prozedur: Wer in Deutschland einen Kraftwagen besitzt, muss dessen Verkehrstauglichkeit turnusmäßig nachweisen. Wenn es nach Vorstellungen von Bernd Henning geht, soll die darin innewohnende Idee der regelmäßigen Inspektion künftig auch für Altbauten und denkmalgeschützte Gebäude angewendet werden. Denn der Diplom-Ingenieur aus Bergholz-Rehbrücke möchte in Deutschland ein ähnliches Verfahren in Gestalt eines Denkmalservices etablieren.

"Bislang ist es so, dass die Besitzer denkmalgeschützter Bauten allein verantwortlich für deren Erhaltung sind", erläutert Henning. Doch da viele Eigentümer nicht ausreichend Fachwissen besäßen, würden immer wieder kleine Schäden unbemerkt bleiben. Oft hätten solche Nachlässigkeiten kostspielige Folgen: Unbemerkte gebrochene Dachziegel, Mauerrisse oder defekte Dachrinnen könnten etwa zu Pilzbefall im Dachstuhl oder Feuchtigkeit im Mauerwerk führen.

In Beispielrechnungen belegt der Diplom-Ingenieur, dass regelmäßige Inspektionen von Fachleuten und das Ausbessern kleinerer Mängel langfristig zusammen preiswerter sind als etwaige spätere Reparaturen größerer Schäden. "Wir wollen das für Altbauten und denkmalgeschützte Gebäude werden, was TÜV oder Dekra für Fahrzeuge sind." Deshalb gründete er mit Gleichgesinnten 1999 die "Gesellschaft zur Erhaltung des kulturellen Erbes". Der Verein mit Sitz in Bergholz-Rehbrücke, dessen Vorsitzender Henning ist, möchte einen Altbau- und Denkmalservice deutschlandweit aufbauen. In fünf Bundesländern er schon mit Arbeitsstellen vertreten.

Jenseits der Grenze längst Realität

Vorbild für das Vorhaben ist die "Monumentenwacht" in den Niederlanden. Denn was Bernd Henning und sein Verein in Deutschland etablieren wollen, ist dort längst Realität. Die Monumentenwacht, die eine private Organisation ist, inspiziert und wartet seit 1973 Denkmäler in Deutschlands Nachbarrepublik. Mittlerweile betreut das holländische Vorbild mit fast 100 Fachleuten rund 12 000 Gebäude. Auf der Fachausstellung "Denkmal 2002" gab es dafür eine Goldmedaille.

"In den Niederlanden ist ein Abonnement der Inspektionsleistungen sogar Voraussetzung für manche staatlichen Zuschüsse", so Henning. Mit dem Verein dringt er auch hierzulande auf vergleichbare Förderrichtlinien. "Doch in Deutschland ist es schwer, bürokratische Strukturen zu verändern. Dabei haben selbst der Bauschadensbericht und der Europarat schon 1996 darauf hingewiesen, dass systematische Pflege für die Bausubstanz der bessere Weg ist. Alle Expertenmeinungen sprechen für unsere Idee. Aber es fehlt bislang der politische Durchbruch".

Eine Ursache dafür könnten aber nicht nur die eingefahrenen Strukturen sein. Denn andere Berufsstände fürchten, dass ein Altbau- und Denkmalservice ihnen Aufträge nehmen könnte. Deshalb betont Henning, dass ihr Vorhaben keineswegs Gutachten von Architekten oder die Arbeit von Handwerkern ersetzen soll. "Wir bieten eine Leistung an, die vor der Arbeit des Architekten erbracht wird. Falls anschließend ein Architekt nötig ist, holen wir ihn hinzu." Der Service soll neutraler Mittler zwischen Eigentümer, Architekt und dem Amt für Denkmalpflege sein.

Das wichtigste Argument für einen Altbau- und Denkmalservice nach holländischem Vorbild ist die Kostenersparnis. Bernd Henning verweist darauf, dass nicht nur die Inspektionen und kleineren Reparaturen in der Summe längerfristig preiswerter für Eigentümer sind. "Eine schadensvorbeugende Instandhaltung ermöglicht auch die durchgehende Nutzung des Gebäudes." Gerade für private, aber auch für kommunale oder kirchliche Eigentümer sei dies ein wichtiger Faktor. Zudem könnten durch regelmäßige Wartung auch Baumaterialien und umweltbelastende Holzschutzmittel eingespart werden.

Unterstützung von der Bundesstiftung Umwelt

Seit April 2002 wird die Gesellschaft zur Erhaltung des kulturellen Erbes daher von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt unterstützt. Dies ermöglichte, dass der Verein Bauten als Musterbeispiele inspizieren konnte. Das erste Gebäude war die St. Marienkirche in der Lutherstadt Wittenberg. "Wir haben gezeigt, dass die Idee Sinn macht und sich rechnet", sagt Henning. Auch wenn eine rasche Änderung der deutschen Förderrichtlinien unwahrscheinlich ist, blickt er optimistisch in die Zukunft.

Im Verlauf des Jahres 2003 soll der Altbau- und Denkmalservice Eigentümern als Dienstleistung angeboten werden. Dabei setzt der Verein nicht nur auf seine Argumente, sondern auch auf die Ebbe in öffentlichen Kassen.

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