DORFKIRCHE RUHLSDORF: KANZEL WIEDER HERGESTELLT, DACH WIRD UMGEDECKT

Erbe aus dem Mittelalter

JOSEF DRABEK

RUHLSDORF Als 1299 Ruhlsdorf noch Rueveltstorp hieß und Markgraf Hermann (1298 - 1308 im Amt) den Ort u.a. mit Teltow und Gütergotz (Güterfelde) dem Bistum Brandenburg übereignete, stand das Gotteshaus schon. Seitdem nagte bis heute immer mal wieder der Zahn der Zeit an der Ruhlsdorfer Kirche. Jetzt jedenfalls steht die Umdeckung der mit "Klosterbibern" und Fledermausgauben versehenen Satteldächer an. Beide wurden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in frühgotischem Stil aus Granitfindlingen von Kolonisten und Zisterziensern vermutlich als Ersatz für eine vorher bestehende Holzkirche erbaut.

Heute spannt sich in der Dorfkirche zwischen Chor und Flachdeckenschiff ein Triumphbogen, an dessen rechter Seite eine Auskerbung auf den früheren Standort der Taufe deutet. Die oben angebrachte Rolle diente vermutlich zum Hochziehen des schweren Deckels, und auf dem Ziegelfußboden sind gemeißelte Abdrücke von Hundepfoten zu sehen, die wohl Böses vom Täufling abwenden sollten. Das neue Tauftischchen auf einer Holzsäule aus dem 17./18. Jahrhundert steht in der Mitte des Chores. Die vom "Churfürstlichen Rath" Sebastian Müller 1594 gestiftete Kanzel fand ihren Platz linker Hand. Der durch Engelsköpfe verzierte Predigtstuhl zeigt das Bild des Erlösers, flankiert von den Evangelisten Johannes und Lukas, Markus und Matthäus mit ihren biblischen Symbolen Adler und Stier, Löwe und Engel.

In den sechziger Jahren wollte der Prediger übrigens die Gemeinde mehr auf Augenhöhe haben, weswegen die Kanzel tiefer gesetzt und ihr Deckel entfernt wurde. Vor nicht allzu langer Zeit ist zur Wahrung des Erbes der alte Zustand wieder hergestellt worden.

Die Fenster wurden vermutlich zur Renaissancezeit in Anordnung und Größe verändert. Um Mängel im Mauerwerk und Spuren jener Veränderungen zu kaschieren, ist offenbar Putz aufgebracht worden, dessen Reste noch vorhanden sind. Der Westturm ersetzte wohl einen früheren Dachreiter, der für Zisterzienserbauten typisch war. Über der Tür an der Westseite dokumentiert eine lateinische Inschrift mit der Jahreszahl 1759 den durch Hofmarschallin Hermine, geb. von Ziethen, und ihren Mann Karl Gottfried von Thiele initiierten Turmanbau.

Auf seinem Zeltdach streckt sich ein Holzaufbau, der mit einem durch Kugel, Windfahne und Stern bekrönten Schweifdach versehen ist. Die Jahreszahl 1785 in der Fahne belegt den Wiederaufbau des Turmes nach Blitzeinschlag. Im Mittelteil ermöglichen Schallfenster die Ausbreitung des Klanges beider Glocken. Die im Ersten Weltkrieg eingeschmolzene Glocke von 1828 wurde 1925 durch eine über Spenden erworbene neue ersetzt. Auf der Nordseite der Kirche ist nach der Reformation die Priesterpforte verschwunden. Stattdessen entstand von 1929 bis 1931 eine Vorhalle, die Heizkeller und Empore beherbergt und 1984 restauriert wurde.

Die Tafelbilder des Altares sollen aus dem 16. Jahrhundert stammen. Die Heiligen Johannes und Paulus, Jakobus und Petrus flankieren eine Golgatha-Landschaft, vor der das Kruzifix steht. Der Giebel mit der Taufe Jesu und den seitlichen Rundtafeln mit Eckpunkten seines irdischen Wirkens ist von einem Pelikan gekrönt. Die Sakramentsnische hinter dem Altar und die beiden gemalten Weihekreuze, die denen der Stahnsdorfer Kirche ähneln, belegen die ursprüngliche katholische Nutzung. Während des Umbaus der Vorhalle, bei dem auch Dach und Turmhelm neu gedeckt wurden, verschwand die unschöne Altarempore. Die Sauer-Orgel erhielt einen Platz auf der Nordempore, und die mittelalterliche Dreierfenstergruppe an der Ostwand des Chores konnte wieder sichtbar werden. Rechts und links des Chores fand ein Grabstein derer von Stockheim Aufstellung, die vordem an der Friedhofsmauer standen. Mittlerweile ist die Orgel durch eine modernere an der Westseite ersetzt. Dort befindet sich hinter einer Holzverkleidung mit dem Wappen der von Thieles der Bogen zwischen Schiff und Turm und die Herrschaftsloge. Die Besitzer wechselten im Laufe 700-jähriger Geschichte fast 20-mal, darunter waren Bürger und Adlige, Bürgermeister und Obristen, Kammerdirektoren und Königliche Räte. Die Grabkreuze der letzten privaten Besitzer, der Familie Bouvier, stehen noch an der Mauer des alten Friedhofs. Daneben ist die Pforte zu sehen, durch die seit Existenz des benachbarten Rittergutes die Patronatsfamilien das Gelände betraten.

Nachdem das Gotteshaus zuvor als Mutterkirche für Heinersdorf fungierte, gab es ab 1823 keine eigene Pfarrstelle mehr, stattdessen als mater coniuncta den Anschluss an Stahnsdorf. Das links der Kirche stehende Predigerhaus wurde als Schule genutzt. Die Wahl des Pfarrers erfolgte alternierend mit der Kleinmachnower Herrschaft. Später erfolgte die seelsorgerische Betreuung durch das Pfarramt Teltow, wozu der Ort seit 1994 auch kommunal gehört. Trotz und wegen dieser wechselnden Patronate präsentiert sich die Dorfkirche heute als gelungene Synthese von Erbe und Veränderung.

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