Immobilien: Nicht mehr Herr in Gottes Haus

Von Isabell Reppert

Weil den Gemeinden das Geld ausgeht, stehen Hunderte deutsche Kirchen zum Verkauf. Ein Problem ist, dass die Nutzung eingeschränkt ist.

In der Dorfkirche im brandenburgischen Milow herrscht Geschäftigkeit - im wahrsten Sinne des Wortes. Wo einst der Altar stand, rattert heute ein Geldautomat, unter der Orgelempore steht der verglaste Kundenschalter. Vor vier Jahren wurde aus der Kirche eine Sparkasse - der Mammon hielt Einzug ins Gotteshaus. Der Erhalt des verfallenen Gebäudes war für die Gemeinde zu teuer geworden. Mit der örtlichen Sparkasse fand sich ein Käufer, der die Kirche vor dem Abriss rettete.

Milow ist das spektakulärste Beispiel für den Umbau einer Kirche. "Das wird wohl auch eine Ausnahme bleiben", sagt Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg (FAK). Doch ein Tabu sind der Verkauf oder die Zweckentfremdung von Kirchen längst nicht mehr. Viele Gemeinden leiden seit Jahren unter sinkenden Einnahmen aus der Kirchensteuer, der Unterhalt ihrer Immobilien verschlingt Millionen. Weil die Zahl der Gläubigen schrumpft, bleiben auch die Kirchenbänke immer öfter leer. Die Folge: Kirchen werden zusammengelegt und manches Gotteshaus damit überflüssig.

Not macht Gemeinden erfinderisch

Die Not macht die Gemeinden erfinderisch. In der Berliner Lutherkirche wird schon seit Jahren nicht mehr nur gebetet, in einem Teil des Kirchenschiffes wurden neun Mietwohnungen eingerichtet, die das Sozialamt vermittelt. Die Berliner Eliaskirche verwandelte sich in diesem Sommer in ein Museum für Kinder. Vom Abriss bedroht ist dagegen die Frankfurter Matthäuskirche: Der evangelische Regionalverband will seine knappen Kassen auffüllen und das Grundstück in bester Innenstadtlage samt Kirche an einen Investor verkaufen, der dort ein Bürohaus errichten dürfte.

Kreativität im Umgang mit dem eigenen Immobilienvermögen war bisher vor allem in den evangelischen Gemeinden gefragt. Ihr Geldsäckel ist traditionell weniger gut gefüllt als das der Katholiken. Zudem fielen etwa der Nordelbischen Kirche mit der Wiedervereinigung gleich Hunderte zum Teil verfallener Gotteshäuser in den neuen Bundesländern zu. Doch auch in den katholischen Gemeinden gewinnt das Thema an Brisanz. "Wir haben uns damit lange schwerer getan, weil eine katholische Kirche ein heiliges Gebäude ist. Aber die Rahmenbedingungen werden schwieriger", sagt Wolfgang Lukassek, Leiter der Arbeitsgruppe "Umnutzung von Kirchen" bei der Deutschen Bischofskonferenz. Rund 100 von bundesweit 20.000 katholischen Kirchen seien derzeit von Verkauf oder sogar Abriss bedroht.

Multifunktionale Kirchen

Auf Wunsch der oft ratlosen Bistümer hat die Bischofskonferenz nun einen Leitfaden entwickelt, wie mit dem Backsteinbesitz zu verfahren ist. "Der Verkauf ist nur das letzte Mittel, erst mal geht es darum, die Kirche zu halten und karitative oder kommunale Nutzer zu gewinnen", sagt Lukassek. Im Immobilienjargon heißt das: Multifunktionalität ist gefragt, zur Not wird eben umgebaut. So haben denn in mancher Kirche auch die Stadtbücherei oder der örtliche Kunstverein einen festen Platz gefunden. Um die Kasse aufzubessern, vermieten viele Gemeinden ihre Kirche zudem für Jazzkonzerte, Betriebsfeiern oder Partys - nicht immer zur Freude der angestammten Kirchgänger.

Ein Verkauf ist dagegen meist schon deshalb keine realistische Alternative, weil interessierte Investoren nicht gerade Schlange stehen. "Das ist kein Markt", sagt Thomas Beyerle von der Deutschen Gesellschaft für Immobilienfonds (Degi). "Das Problem fängt bei der Wertermittlung an, dazu muss sich der Käufer oft an den Denkmalschutz halten und ist in der Nutzung nicht frei." Schließlich ist der Kirche nicht jeder Erwerber willkommen: Diskotheken, Spielhöllen oder islamische Gemeinden kommen nicht in Frage. Profane Nutzung ja, unwürdige nein, lautet das Credo der Katholiken. Bei den Protestanten sieht man die Sache weniger strikt, aber auch hier setzt die Rücksicht auf das Empfinden der Gemeindemitglieder Grenzen.

Ohnehin stößt der Verkauf einer Kirche bei den Bürgern schnell auf Widerstand, und das selbst bei denjenigen, die seit Jahren keinen Fuß in das Gotteshaus gesetzt haben. "Gerade auf den Dörfern erfährt die Privatisierung große Ablehnung", sagt Bernd Janowski vom FAK. "Das Kirchengebäude ist eben immer noch etwas ganz Besonderes."

 

Weitere Beiträge zum Thema:

Orientierungshilfe zur Nutzung von Kirchen für nichtkirchliche Veranstaltungen
Herausgegeben von der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg

Umnutzung von Kirchen - Beurteilungskriterien und Entscheidungshilfen
Statement des Vorsitzenden der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am 17.11.2003 in Köln

In letzter Minute vor dem Abriß bewahrt: Die Leopoldsburger Kirche in Milow an der Havel
Mitteilungsblatt 04/99 des Vereins Dorfkirchen in Not in Mecklenburg und Vorpommern e.V.

In dieser Kirche klingeln die Kassen
aus: chrismon Das evangelische Online-Magazin

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