WIE SICH EIN FÖRDERKREIS FÜR BRANDENBURGS BEDROHTE DORFKIRCHEN STARK MACHT

Ein Heim für Gott

FRANK KALLENSEE

POTSDAM Niemand wohnt gern in einer feuchten Wohnung. Deshalb sollte auch keiner dem lieben Gott übel nehmen, wenn er intakte Quartiere bevorzugt. Doch Wohnen wie Gott in Brandenburg bedeutet Lebens-, weil Einsturzgefahr und wenn nicht das, dann mindestens Nässe von oben, Schwamm vorn und Schimmel hinten . Nicht überall, aber leider noch häufig genug. Nun ist Gott - Gott sei Dank - unsterblich und auch sonst hart im Nehmen, doch der gottverlassene Eindruck, den seine ramponierten Gotteshäuser machen, dürfte seinem ohnehin angekränkelten Image unzuträglich sein. Fest steht fürs erste dies: Der himmlische Herr ist auf irdische Hilfe seiner märkischer Knechte angewiesen. Er braucht Leute wie Bernd Janowski.

Der ist geborener Anhaltiner, das schmälert aber nicht sein Faible für Brandenburgs Kirchen. Vielleicht weil er in Lehnin aufgewachsen ist, im Schatten der ehrwürdigen Zisterzienserbasilika. Sein regionalgeschichtliches Interesse sei jedenfalls früh geweckt worden, sagt der jetzt 44-Jährige, der seinen Fotografenberuf vor 1989 in den Dienst der Denkmalpflege gestellt hatte . Heute ist Janowski Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, FAK gekürzelt. Das klingt nach Karriere, ist in der Praxis aber alles andere als wohldotiert. Sein "Gehalt" bezieht er vom Arbeitsamt, SAM nennt sich das, Strukturanpassungsmaßnahme, und "Firmensitz" ist seine Mietwohnung in Berlin, in der einen der Luxus nun gewiss nicht erschlägt.

Gegründet haben sie ihren Verein im Mai 1990. Janowski und eine Handvoll Gleichgesinnter waren abenteuerlustig genug, das offizielle Ende der DDR nicht abzuwarten. West-Know-how besorgten sie sich in Hessen. Dort machte bereits seit den 70ern der Förderkreis Alte Kirchen Marburg gegen leichtfertige Abrisse mobil. Janowski & Co tun es diesem Vorbild nun seit zehn Jahren nach. Im Grunde sind sie Avantgarde, denn sie handelten lange bevor zuständige Politiker, erschrocken ob ihrer plötzlich klammen Kassen, auf den Dreh kamen, solch "bürgerschaftliches Engagement" immer lauter zu loben.

"Es war ein langer Weg", nickt er, "bis uns Kulturministerium und Evangelische Landeskirche als Partner ernstgenommen haben. Inzwischen aber sind wir hier wie da eine Adresse." Vor allem aber sind sie eine für Dörfer, die ihre kaputten Dorfkirchen reparieren wollen. Die genaue Zahl indes, wieviele von den 1600 zwischen Havel und Oder vorhandenen unter der Rubrik "bedroht" zu verbuchen sind, ist nicht präzise bezifferbar. "Es fehlt schlicht eine systematische Schadenserfassung", bedauert Janowski. Zudem sei die Bestimmung dessen, was eine Kirche als "bedroht" (dis-)qualifiziert, einigermaßen delikat. Muss, heißt das, immer erst der Dachstuhl weggefault sein oder "reicht" schon, wenn sich unersetzbare Verluste durch den Wurmbefall einer barocken Innenausstattung ankündigen?

Die 450 Millionen Euro, die der Vize-Chef des Kirchlichen Bauamtes hochrechnet, sind nur der für reine Bestandssicherung notwendige Bedarf. "In ihrer Substanz bedroht sind 200 Kirchen", schätzt Matthias Hoffmann-Tauschwitz, "hinzu kommen 400 bis 600, wo bereits saniert wird oder akut einzugreifen ist." Die Landeskirche investiere dafür maximal 20 Millionen Euro per annum, öffentliche Förderungen, Stiftungen, Spenden inklusive. Die 1,53 Millionen Euro, die Brandenburg zu diesem Zwecke jährlich gemäß Kirchenstaatsvertrag überweist, sind da auch schon drin. Viel heißer Stein für so wenig Tropfen.

Kirche von Saaringen
  Für das Saaringer Gotteshaus war der Abriss schon beantragt

Doch der Geldmangel erweist sich gar nicht mal als das Haupthindernis. Schlimmer sind Gleichgültigkeit oder Unkenntnis. Genau dagegen bringt sich nun aber Janowskis Förderkreis ins Spiel. Zum einen fahnden die 160 FAK-ler nach den Fast-Ruinen und machen vor Ort Lobbyarbeit: Indem sie die Einwohner motivieren, Kirchen-Fördervereine zu gründen - 2002 können sie solchen Initiativen zehn mal 2500 Euro Startkapital vermitteln. Zum andern unterstützen sie alle aktiven Vereine mit Rat, der im Förderdschungel teuer sein kann, und als Kontaktmakler. "Netzwerk ist das treffende Wort", überlegt Janowski, mit einem Blick auf den Computermonitor, "das zu knüpfen ist unser Job." Inwieweit sie dies mittlerweile professionalisiert haben, zeigen die Ereignisse im havelländischen 50-Seelen-Nestchen Saaringen.

Die dortige Kirche war 1997 derart malade, dass die Gemeinde einen Abbruchantrag gestellt hatte. So wäre sie nach 200 Jahren beinahe verschwunden, aber in letzter Minute aktivierte eine einheimische Familie ihre Mitbürger und konstituierte im Schulterschluss mit dem Förderkreis einen eigenen Kirchbauverein. Der warb dann bei Bund, Land und Sponsoren 500 000 Mark ein. Ocker leuchtet sie nun wieder, das Dach ist dicht, die Fenster verglast. Eine Initiative, die Kreise zog. Den Metallrestaurator Karl Wunderlich im sächsischen Bad Elster begeisterte sie so sehr, dass er sich um den Saaringer Kronleuchter gratis kümmerte.

Gleichwohl: So wichtig die staatlichen Denkmalpflege-Zuwendungen sind, so absurd ist das staatliche Steuereinzugsverfahren. Bislang wird nämlich in Deutschland eine Mehrwertsteuer von 16 Prozent auf alle Bauarbeiten erhoben. Von den 500 000 Fördermark für Saaringen mussten demnach 80 000 Mark wieder an die Öffentliche Hand abgeführt werden. FAK-Frontmann Janowski macht sich darum für die Aufnahme des Denkmalschutzes in die EU-Liste der "privilegierten Güter" stark, womit eine Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent verbunden wäre. Über die 1977 ausgetüftelte Liste wird derzeit beraten, bis Ende des Jahres soll das Paket geschnürt werden. Es eilt also ...

Nun ist es eine Sache, Kirchen zu retten. Ein zweites ist, sie zu nutzen. Brandenburg gehen bekanntlich die Christenmenschen aus. "Das Thema Umnutzung ist im Wesentlichen abgehakt", glaubt Janowski trotzdem, "eine Sparkasse wie in der Milower Kirche gilt eher als Ausnahme. Wir diskutieren gegenwärtig ,Nutzungserweiterungen'." Auch in diesem Punkt könnte das Saaringer Exempel Schule machen: Außer für Gottesdienste ist hier nun Raum für diverse kommunale und kulturelle Veranstaltungen. Der Merksatz lautet: Entscheidend ist, dass die Kirche im Dorf bleibt, damit das Dorf in die Kirche kommt. "Denn die Kirche", ergänzt Janowski, "ist oft das schönste, was es hat. Deshalb ziehen auch PDS-Bürgermeister mit." Letztlich freilich hätten diese Gebäude eine Berechtigung aus sich selbst heraus, sie seien Erbe und schwerlich mit der betriebswirtschaftlichen Elle auszumessen.

Von alldem soll nun eine MAZ-Serie berichten, die bis zum Jahresende regelmäßig eine "Dorfkirche des Monats" vorstellt. Anhand dieser zwölf Fallbeispiele wird da von Erfolg genauso zu reden sein wie von Pleiten , von Begeisterung genauso wie von Phlegma. Die erste Folge ist heute auf der Kulturseite zu lesen und führt in die Prignitz. Und eventuell findet sich ganz nebenbei wieder Wohnliches für den lieben Gott. Gar nicht unwahrscheinlich.


 
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