Nachruf auf eine Kirche

Nikolaus Bernau

Die Berliner Katholische Kirche ist bankrott. Nun ist ein weiteres Opfer dieser durch typische Berliner Verschwendungssucht und mangelnde Ausgabendisziplin verursachten Not zu beklagen: Die Kirche St. Raphael in Gatow wurde am Donnerstag abgerissen. Entworfen hatte den 1965 geweihten Kirchenbau Rudolf Schwarz, der wahrscheinlich wichtigste Architekt der Kirchenreform seit den 20er-Jahren. Charakteristisch waren die Oberlichter, der verwinkelte Zugang durch Turm und Galerie und die zierlichen Glasgemälde von Georg Meistermann. Ein Bau, der möglicherweise in die Liste der Denkmäler Berlins gehört hätte.

Um dies zu prüfen und die Finanznöte der Kirche zu berücksichtigen, gab es bisher ein informelles Moratorium zwischen den Denkmalpflegebehörden und den Katholiken: Die Kirche sollte nicht an abrisswillige Investoren verkaufen, gemeinsam würde stattdessen nach Lösungen gesucht, wie nicht mehr gebrauchte Kirchenhäuser - es handelt sich keineswegs nur um den kleinen Gatower Bau - sinnvoll weiter genutzt werden. So sollten die Häuser vor dem vorschnellem Abriss geschützt werden.

Doch ein Moratorium braucht Vertrauen zwischen Kirchen, Ämtern und Öffentlichkeit. Das dürfte nach diesem Abriss vorerst dahin sein. Wer kann einer Kirche vertrauen, die die eigenen Gebäude nur mit dem Blick auf die Kasse verkauft und dabei billigend den Abriss in Kauf nimmt, obwohl sie weiß, dass die Ämter gerade die Denkmalwürdigkeit untersuchen? Formal war es der Investor, der abreißen ließ. Nach allem, was zu erfahren war, hat er formal korrekt gehandelt. Doch historisches Erinnern - und Denkmalschutz ist ein Teil davon - ist nicht nur eine Frage des formal Richtigen, sondern auch der kulturellen und moralischen Vernunft. Möglich wurde dieser Abriss nur, weil die Kirche sich nicht mehr um das Gebäude kümmern wollte.

Andererseits muss man gerade in Berlin die Empörung über den Vertrauensbruch in Grenzen halten. Denn das, was die Katholische Kirche in Gatow zugelassen hat, passt zu den Abbruch-Vorhaben der Berliner Senatoren, die das ICC, die Deutschlandhalle, den Steglitzer Kreisel und den Palast der Republik betreffen. Auch diese Gebäude stehen bis auf die Deutschlandhalle nicht unter Denkmalschutz, auch mit ihnen ist Berlin nicht imstande, angemessen umzugehen. Vorsätzlich werden sie dem Verfall überlassen - bis sie so unansehnlich geworden sind, dass sie den Abriss legitimieren. Wie bei St. Raphael soll ihnen jede Weiternutzung verwehrt werden. So lange die Berliner diesen Abrisswahn dulden und sich lieber alte Schlossfassaden wieder aufbauen lassen, werden wir noch viele solcher Fälle beklagen müssen.

   Zur Artikelübersicht