In Kirchen wohnen

(Märkische Oderzeitung vom 17.Juli 2001)

Luther-Kirche in Berlin-Spandau
Mietwohnung neben dem Altarraum
In der Luther-Kirche in Berlin-Spandau gibt es Wohraum für neun Parteien
 

Über Generationen wurde in ihnen gebetet, gesungen und gepredigt. Doch mittlerweile werden immer mehr Kirchen zur Last für schrumpfende Gemeinden dabei lässt es sich in den riesigen Gebäuden auch prima wohnen, findet etwa Gisela Rolke aus Neustadtgödens in Niedersachsen.

Seit drei Jahren wohnt die 44-jährige Immobilienmaklerin mit Ehemann Lothar und drei Töchtern in der ehemaligen evangelisch-reformierten Kirche des 1100-Einwohner-Dorfes im Landkreis Friesland. «Manche unserer Bekannten haben gesagt: Wie könnt ihr bloß in eine Kirche ziehen», erinnert sich Gisela Rolke. «Dabei ist es hier wunderschön.» Von außen blieb der 1715 errichtete Backsteinbau mit den hohen Bogenfenstern nahezu unverändert, doch innen ist laut Rolke «ein Neubau entstanden» . Hinter meterdicken Mauern liegt nun eine gemütliche Wohnung mit sieben Zimmern und 260 Quadratmetern Wohnfläche.

Bei dem Umbau legte die ganze Familie Hand an, jahrelang gab es kaum ein freies Wochenende. Die neuen Besitzer teilten das hohe Kirchenschiff durch eine Galerie, bauten sanitäre Anlagen ein und installierten sogar einen Kamin. Bisweilen stockten die Bauarbeiten wegen unvorhergesehener Probleme: Als der Fußboden ausgeschachtet wurde, kamen zwölf Särge ans Tageslicht. «Beton drüber», empfahlen Bauarbeiter, aber dann wurden die Gebeine doch auf einen Friedhof umgebettet.

Während Rolkes nur die Außenansicht der Kirche mit Rücksicht auf den Denkmalschutz bewahren mussten, gab es beim Umbau der Lutherkirche in Berlin-Spandau wesentlich strengere Auflagen. «Die Auflage des Landeskonservators war, dass ein Rückbau möglich sein muss», berichtet Pfarrer Peter Kranz. Seit fünf Jahren beherbergt die 1896 errichtete Hallenkirche neun Wohnungen, die etwa zwei Drittel des alten Kirchenschiffes einnehmen. In dem Rest des Gebäudes finden nach wie vor Gottesdienste statt, aber auch Konzerte.

«Der Wohnbereich ist durch eine schalldichte Wand abgetrennt», berichtet Kranz. Zu erreichen sind die Wohnungen, die vom Sozialamt vergeben werden, über das ehemalige Hauptportal. Alle Wölbungen, Backstein-Rosetten und Nischen der Kirche blieben erhalten und wurden lediglich überbaut - so hat jede der zwischen 54 und 85 Quadratmeter großen Wohnungen ihren eigenen Charme.

Die Kirchengemeinde hat laut Kranz gute Erfahrungen mit der Aufteilung des Gebäudes gemacht. Mit früher 1300 Plätzen sei die Kirche viel zu groß gewesen. «Jetzt haben wir außerdem unsere Gemeinderäume und ein Cafe im Gebäude», sagt der Pfarrer. Die Bewohner nehmen zum Teil auch am Gemeindeleben teil- Voraussetzung für einen Mietvertrag ist das allerdings nicht, denn die Wohnungen werden von einer nichtkirchlichen Wohnungsbaugesellschaft vergeben.

Obwohl vor allem in Großstädten und in der ostdeutschen Provinz zahlreiche Kirchen leer stehen oder nur sehr wenig genutzt werden, ist ihre Umwandlung zu Wohnungen immer noch die Ausnahme. «Für uns steht nicht die Umnutzung, sondern die Nutzungserweiterung etwa um Konzerte, Theateraufführungen oder Ausstellungen im Vordergrund», sagt Bernd Janowski, Vorsitzender des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg mit Sitz in Berlin. Der Verein vertritt zahlreiche Initiativen, die sich um Dorfkirchen in Brandenburg kümmern.

«Die Umwandlung von Kirchen in Wohnungen wird eine krasse Ausnahme bleiben», so Janowski. In den neuen Ländern gebe es zwar viele Dörfer, in denen nur noch 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung einer Kirche angehörten. Andererseits seien gerade dort die Widerstände gegen eine Privatisierung der Kirchen groß. «Dorfkneipen, Schulen und Läden haben zugemacht - da ist die Kirche oft der letzte öffentliche Raum.» Ein Markt für die ungewöhnlichen Immobilien allerdings wäre vorhanden, so Janowski: «Anfragen gibt es in regelmäßigen Abständen.»

Von den wenigen Kirchen, die bundesweit als Wohnraum genutzt werden, waren fast alle einst in evangelischem Besitz, schließlich gelten die Kirchengebäude bei den Protestanten weder als heilig, noch werden sie geweiht. Andere legen strengere Maßstäbe an: «Bisher gab es in der katholischen Kirche in Deutschland nur sehr vereinzelte Fälle, in denen eine Kirche in keiner Weise mehr zum Gottesdienst verwendet wird», so Martina Höhns, Sprecherin der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn. Sollte es doch einmal dazu kommen, dass eine Kirche in keiner Weise mehr zum Gottesdienst verwendet werde, könne sie vom zuständigen Bischof per Verwaltungsakt «profanem, aber nicht unwürdigen Gebrauch» überlassen werden.

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