Vor uns die Bugwelle

Land und Kirche haben nicht das Geld, alle Kirchen in Brandenburg zu erhalten.

1.600 Kirchen stehen in Brandenburgs Städten und Dörfern, viele davon sind stark sanierungsbedürftig. Die Landeskirche und das Land Brandenburg wollen nun gemeinsam eine Prioritätenliste für die Sanierung von Dorfkirchen erarbeiten, um Investitionsruinen durch unterschiedliche Förderung zu verhindern. Eine Rettung aller gefährdeten Dorfkirchen sei auf Grund der Finanzprobleme von Kirche und Land nicht möglich.

Von Ute Sauerbrey

Die Landeskirche zahlt an Baubeihilfen für Kirchen zurzeit eine Million Euro im Jahr, das Land Brandenburg gibt aus dem Staat-Kirche-Vertrag ungefähr 1,5 Millionen Euro dazu. Mit allen Mitteln, die Gemeinden, Kirchenkreise und Vereine außerdem einwerben, werden jedes Jahr zwischen 5 und 10 Millionen Euro in den Kirchen dieser Landeskirche verbaut. Matthias Hoffmann-Tauschwitz, Leiter des kirchlichen Bauamtes, hat errechnet, dass in den nächsten fünf Jahren in Brandenburg noch immer ein Bau-Unterhaltungs-Nachholbedarf von 200 bis 250 Millionen Euro zu erledigen ist. "Wir schieben eine Bugwelle von nicht erledigter Bauunterhaltung vor uns her. Und diese Bugwelle wächst exponentiell" sagt Hoffmann-Tauschwitz. "Wir werden in Zukunft auch Gebäude haben, die baupolizeilich geschlossen werden und die einfach in sich zusammenfallen. Wenn wir diesen Prozess nicht dem Zufall überlassen wollen, müssen wir jetzt entscheiden, auf welche Gebäude wir uns konzentrieren."

"Es geht im Wesentlichen darum, sich nicht zu verzetteln", sagt Konsistorialpräsident Ulrich Seelemann. "Wir wollen vermeiden, dass das Land andere Kirchen fördert als die Landeskirche und uns auf erhaltenswerte Gebäude konzentrieren." Ziel der Kirchenleitung sei, alle Gemeinden zu unterstützen, die ihre Dorfkirche weiter nutzen wollen. Seelemann ist guter Hoffnung, dass Brandenburgs Kulturministerin sich auf die Kriterien der Kirche einlässt. Eine Vollfinanzierung durch Kirche oder Land sei nicht mehr möglich. "Grundsätzlich gilt, die Kirche wird nur Geld in Kirchen stecken, in denen kirchliches Leben stattfindet", so Seelemann. Daneben seien viele andere Nutzungen denkbar, als zentraler Versammlungsort des Dorfes, für Feste, Konzerte und Ausstellungen. "Und dass es auch zum Abriss von Kirchen kommen kann, habe ich persönlich nie ausgeschlossen", sagt Seelemann.

Auf die ganze Landeskirche gesehen würden zehn bis zwanzig Prozent der Kirchen für das kirchliche Leben nicht wirklich gebraucht, schätzt Matthias Hoffmann-Tauschwitz vom kirchlichen Bauamt. Dem Architekten geht es vor allem um eine langfristige und realistische Planung. "Viele Kirchenkreise haben schon sehr genau geprüft, welche Gebäude sie wirklich brauchen." Diese Gebäudebedarfsplanung findet auch Seelemann wichtig: "Die Kirchenkreise geben uns mit ihrer Gebäudebedarfsplanung eine Entscheidungsgrundlage. Aber ich bin auch für eine gewisse "Ebenen-Hygiene": mit dem Land Brandenburg sollen nun mal nicht die Kirchenkreise, sondern die Landeskirche verhandeln."

"In Bezug auf die Kirchen haben wir uns in der Vergangenheit immer davor gedrückt, deutlich zu sagen, Nein, wir können nicht alle erhalten", sagt Hans-Georg Furian, Superintendent im Kirchenkreis Perleberg-Wittenberge. Natürlich gebe es viele sehr engagierte Menschen, die sich in Fördervereinen engagieren und mit viel Energie den Kirchenkreis um Zuschüsse angingen, "und am Ende sagt man dann Ja und gibt wieder ein paar tausend Euro für eine Dorfkirche, obwohl man weiß, dass da nur alle vier Wochen ein Gottesdienst mit 10 Leuten stattfindet." Furians Vision ist es, von allen Kirchen wenigstens die äußere Hülle zu erhalten, "das sind wir den nachfolgenden Generationen schuldig". Aber das Interieur, von der Orgel bis zur Elektrizität, könne man nicht überall erhalten: "Die Gebäude müssen von Menschen mit Leben gefüllt werden. Und wo die Menschen fehlen, da kann man eben nicht alle Gebäude erhalten." Hoffmann-Tauschwitz geht, wenn auch ungern, noch einen Schritt weiter: "Wenn ein kirchlich gänzlich ungenutztes Gebäude nicht für eine angemessene Nachnutzung verkauft, vermietet oder verpachtet werden kann oder die Bauunterhaltung auf andere außerkirchliche Weise dauerhaft finanzierbar wird, dann werden wir um den Abriss von einzelnen Kirchen nicht herum kommen.

Nicht jeder mag den Gedanken an den Abriss von Kirchen denken. Superintendent Thomas Tutzschke aus Nauen-Rathenow schreckt sogar vor dem Gedanken zurück, Kirchen verkaufen zu müssen. Er würde gern alle Kirchen seines Kirchenkreises sichern und auch weiter nutzen. Auch wenn heute an manchen Orten nur fünf Menschen in der Gemeinde aktiv sind, sei es doch nicht auszuschließen, dass es mal wieder 50 oder 500 sein können, meint er. Konsistorialpräsident Seelemann hat dazu eine pragmatischere Meinung: "Es sind in der Geschichte immer Kirchen abgerissen worden", so Seelemann. "Und wenn selbst in heute dünn besiedelten Regionen mal wieder viele Menschen wohnen, dann müssen die auch die Möglichkeit haben, sich ihre Kirche neu zu bauen." Und fügt hinzu: "Das ist aber kein Massenphänomen. Von unseren ungefähr 2.000 Kirchen in der Landeskirche können wir in den nächsten Jahren vielleicht ein oder zwei Prozent nicht halten. Durch private Geldgeber, Fördervereine, Sponsoren oder Mäzene gelingt es aber immer noch, verfallende Kirchen wieder aufzubauen."

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