Peanuts für die Dorfkirche

Das "Dach und Fach" - Programm muss weitergeführt werden

Die ostdeutschen Kulturminister opponieren und die Landesdenkmalpfleger schlagen Alarm. Als Kulturstaatsministerin Christina Weiss vergangene Woche erklärte, der Bund werde sich fortan auf die Förderung von Kultureinrichtungen mit "nationaler Bedeutung" konzentrieren, klang das vernünftig. Im gleichen Atemzug kündigte Weiss allerdings an, die Förderprogramme des Bundes "Kultur in den neuen Ländern" und "Sicherung und Erhaltung von Kulturdenkmalen in den neuen Ländern" ab 2004 zu streichen. Übergangshilfen seien das gewesen. Der Steuerzahler nimmt erleichtert zu Kenntnis, dass auf diese Weise 23 Millionen Euro eingespart werden sollen. Anstelle der reinen "Investitionsprogramme" so Weiss, trete eine geziehlte, inhaltlich und dauerhaft festgeschriebene Förderung in Höhe von sechs Millionen Euro jährlich. Auch das klingt doch löblich - oder?

Vor allem die Streichung des Programms zur "Sicherung und Erhaltung von Kulturdenkmalen in den neuen Ländern", besser bekannt unter dem pragmatischen Titel "Dach und Fach", ist "schlicht und einfach eine Katastrophe", konstatiert Gottfried Kiesow, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. "Dach und Fach" war das kleinste, aber wohl effektivste Kulturförderprogramm, das je erdacht wurde. Für Anfangs rund fünf Millionen Euro pro Jahr, später nur noch 1,5 Millionen Euro wurden Fundamente alter Schlösser gesichert, Wände schimmelnder Kirchen trockengelegt, marode Dachstühle repariert und einsturzgefährdete Türme gestützt.

"Dach und Fach" war kein Restaurierungsprogramm, das barocke Fassaden im neuen Glanz erstrahlen ließ. Aber es half, wertvolle kuturelle Substanz auf dem Land zu sichern. Es half, Identifikation mit verlassenen Orten herzustellen. Es gab Perspektiven. Es sorgte für Solidarität und schuf qualifizierte Arbeitsplätze im kleinen bis mittelständischen Baugewerbe. Jeder Euro, der vom Bund investiert wurde, initiierte acht- bis zehnfache Investitionen. Nicht nur, dass die Länder gefordert waren, die gleiche Summe wie der Bund in das jeweilige Förderprogramm zu stecken, auch die Eigentümer - meist kleine Gemeinden und Kirchen - mussten sich um eine Mitfinanzierung kümmern. Plötzlich gab es Spendensammlungen und Bürgerengagement in Regionen mit 60 Prozent Arbeitslosigkeit - nur um eine mittelalterliche Dorfkirche oder ein romantisches Landgut vor dem Zusammenbruch zu retten.

Bürgerkampf gegen Schimmel

Bei der Denkmalsanierung sind 70 Prozent aller anfallenden Kosten Lohnkosten. Kein Kulturprogramm, das je von solch hohem volkswirtschaftlichen Nutzen gewesen wäre. Die Streichung von einem Tag auf den anderen wirkt entsprechend desaströs: Jetzt wird manche Dorfkirche halb gedeckt legen gelassen und damit ungeschützt der Witterung ausgesetzt. Die Firmen, die ihre Gerüste abbauen und ihr Material einräumen werden demnächst Konkurs anmelden. Was nach dem Rückzug der Minimalförderung des Bundes bleibt, ist Verfall und Depression. Um 1,5 Millionen Euro Willen werden deutsche Kulturlandschaften veröden. Übergangszeiten können eben lang sein, länger als erwartet. In den vergangenen zwölf Jahren konnten maximal 40 bis 50 Prozent der vernachlässigten Denkmalschutzsubstanz in den neuen Bundesländern gesichert werden, schätzt Detlef Karg, der Landeskonservator in Brandenburg. Das heißt, über die Hälfte der Kuturdenkmale werden jetzt preisgegeben. Jedes weitere Jahr mangelnden Unterhalts potenziert die Schadensbilanz. Allein in Brandenburg sind noch hunderte der landesweit 1500 Dorfkirchen vom Verfall bedroht.

Wenn der Bund an dem Basisprogramm spart, werden auch die Länder die Komplementärmittel zurückhalten. Da die jeweiligen Haushalts- und Personalmittel für Denkmalpflege bereits bundesweit über die Gebühr zusammengestrichen worden sind und manches Denkmalamt den Denkmalseigentümern keine Beihilfen mehr leisten kann, wird es keine alternativen Rettungsprogramme geben. Sponsoren wie Mäzene finanzieren keine Maßnahmen zur Fundamentsanierung. Sie identifizieren sich lieber mit einem restaurierten Epitaph oder einer neu vergoldeten Orgel. Selbst die Deutsche Stiftung Denkmalschutz wird den Förderungsversust nicht ausgleichen können. Bereits jetzt muß sie nach Aussage von Kiesow von fünf Anträgen vier ablehnen.

Wenn es um die Substanz der Geschichts- und Denkmallandschaften geht, ist der Bund weiterhin gefordert. Wenn die Beauftragte der Dundesregierung für Kultur und Medien sich auf "national bedeutsames" beschränken und in Zukunft inhaltliche Arbeit leisten möchte, dann macht sie im Denkmalbereich eine A-Kategorie geltend und fördert nur mehr das, was allenthalben gefordert wird: Festivals, Konzertreihen, Ausstellungen. Kurz: Eventkultur. Nachhaltigkeit geht so verloren. Ein nationales Aufbauwerk bleibt Stückwerk. "Dach und Fach" war deshalb national bedeutend, weil es eben nicht den "Leuchttürmen" der Nation zufloß. Christina Weiss sollte die Implikationen ihrer Sparvorschläge nochmals genauer überdenken. Bei "Dach und Fach" handelt es sich eben nicht nur um ein Investitionsprogramm, sondern um ein kleines, feines und gesamtgesellschaftlich effektives Kulturprogramm. Die Kosten dafür sind Peanuts.

IKA MAZZONI

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