Das vergessene Gotteshaus

Millionen für Barockanlage doch die evangelische Kirche geht leer aus

Jeanette Bederke

 Das vergessene Gotteshaus

Neuzelle. Als "Barockwunder der Mark" wird das ehemalige Zisterzienserkloster Neuzelle (Landkreis Oder-Spree) gern bezeichnet. Insgesamt 13 Millionen Euro flossen in den vergangenen elf Jahren in Erhalt und Sanierung der in Brandenburg einzigartigen Anlage. Die prunkvolle katholische Kirche St. Marien ist in ihren frischen Gelb- und Weißtönen schon von weitem zu sehen und bei Touristen ein beliebtes Fotomotiv. Wer allerdings der Klostermauer weiter folgt, steht unvermittelt vor einer zweiten Kirche mit schmuddeliger Fassade, defekten Regenrinnen, bröckelndem Putz und feuchten Stellen im Gemäuer. "Besucher machen uns Vorwürfe, wie wir dieses Haus so vergammeln lassen können", sagt der frühere Pfarrer Alfred Hasler und zuckt hilflos die Schultern. Doch für eine Restaurierung fehle es einfach an Geld.

Rund 18,6 Millionen Euro aus den Kassen des Landes, des Bundes und der EU sind der Stiftung Stift Neuzelle bis zum Jahr 2011 zugesichert. Damit sollen in erster Linie jene Bauten gesichert werden, die für das private deutsch-polnische Gymnasium gebraucht werden: Kanzlei, Klausurgebäude, Waisenhaus, Carolusheim. "Wir haben zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht einmal die Hälfte der Kloster-Bausubstanz saniert. Das Geld reicht längst nicht für den tatsächlichen Bedarf", erklärt Walter Ederer, Geschäftsführer der Stiftung Stift Neuzelle. Vorgeschrieben wird ihm die Verwendung der Gelder vom Stiftungsrat und Landesbauamt. Die evangelische Pfarrkirche, auch Leute- oder Laienkirche genannt, sei dabei nicht berücksichtigt worden. "Da muss die finanzielle Unterstützung des Landes Brandenburg auch nach 2011 weitergehen", fordert Ederer.

Doch bis dahin könnte es für das heruntergekommene Gotteshaus zu spät sein, fürchtet die evangelische Kirchengemeinde Neuzelle mit ihren immerhin rund 500 Mitgliedern. Die Pfarrkirche "Zum heiligen Kreuz" führt seit Jahren ein Schattendasein. Ende der 80er Jahre zumindest im Inneren bereits teilweise saniert, hat sich seitdem scheinbar niemand mehr um den 1734 fertiggestellten Sakralbau gekümmert. Denn 1991 war plötzlich der Dachstuhl der katholischen Stiftskirche gefährdet. Restaurierungen wurden auf das große, repräsentative Gotteshaus konzentriert, die kleinere Nachbarin geriet in Vergessenheit. Kein einziges Hinweisschild weist in der Klosteranlage zur "Laienkirche".

"Man fühlt sich abgeschoben", sagt Martin Seefeld, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates.

Inzwischen tauchen immer mehr spinnennetzartige Risse in den Gewölbedecken auf, der Stuck bröckelt bereits an vielen Stellen. Mäuse- und Rattenlöcher in den Außenwänden künden von "tierischen Betrieb", wie auch der wurmstichige Altar, der zudem von Kerzen verrußt ist.

Klar wird auf den ersten Blick: Ein Laie würde beim Staubwedeln am skulpturenreichen Altar nur noch mehr Schaden anrichten. "Da müssen Fachleute ran", kommentiert Gemeindekirchenratsvorsitzender Seefeld. Der in Brandenburg einmalige böhmische Altar sei auch von erheblichem kunsthistorischen Wert, wie die gesamte Pfarrkirche mit ihren schönen Deckenfresken selbst. Der von Johann Wilhelm Hennevogel geschaffene Altar sei laut Experten sogar wertvoller als sein nur aus Stuckmarmor geschaffenes Pendant in der katholischen Stiftskirche, so Seefeld.

Kuratoriumsmitglied Hasler hat bereits Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) über den drohenden Verfall informiert. Diese verwies an Landeskonservator Detlef Karg. "Doch der hält das ganze für nicht bedenklich und verweist lediglich auf Schönheitsreparaturen", schimpft Hasler.

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