Die stummen Zeugen

In Brandenburg geben Dorfkirchen Auskunft über den Lauf der Geschichte

Bernd Janowski

Märkische Heide, märkischer Sand ." - sehr euphorisch klingt die Landschaftsbeschreibung im inzwischen wieder häufig gesungenen "Lied der Brandenburger" nicht. Dennoch: immer mehr Großstädter zieht es zu Wochenendausflügen an die klaren Seen der Uckermark, in die melancholische Weite des Oderbruchs oder in die hügeligen Kiefernwälder des Flämings. Schon Fontane schrieb vom Land zwischen Elbe und Oder: Nur "wenige Punkte sind so arm, dass sie nicht auch ihre sieben Schönheiten hätten. Man muss sie nur zu finden verstehn."

Vielfalt der Bauformen

Wer einen Landstrich genauer kennen lernen möchte, der wird sich auch mit seiner Kultur und seinen Denkmalen beschäftigen. In den brandenburgischen Dörfern bleiben als einzige Zeugen der Vergangenheit allerdings oft nur die Dorfkirchen. Deren Besuch lohnt jedoch allemal. Erstaunlich sind bereits auf den ersten Blick Vielfalt und Reichtum der baulichen Formen: mächtige Feldsteinkirchen mit beeindruckenden Westtürmen, bescheidene Fachwerkbauten aus der kargen Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, vom Klassizismus geprägte preußisch strenge Gotteshäuser, im Stil der Neogotik errichtete (und manchmal von Beginn an zu groß geplante) Backsteinkirchen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Beim Betreten der Kirchenräume fühlt sich der Besucher oft in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt. Überraschend oft blieben mittelalterliche Ausstattungsstücke und Reste von Wandmalereien erhalten. Gotische Schnitzfiguren wurden in späteren, protestantischen Altaraufbauten wieder verwendet. Manchmal blieben aus der Zeit des Barocks majestätisch schwebende Taufengel erhalten. Kanzelaltäre zeugen von Veränderungen im Glaubensverständnis nach der Reformation. Herrschaftslogen, Grabtafeln und Epitaphien erinnern an die Zeiten gutsherrlichen Patronats. Prächtige Orgelprospekte schmücken Instrumente, die leider oft nicht mehr spielbar sind.

Das Land Brandenburg verfügt über etwa 1 500 historische Kirchengebäude. Durch die Besonderheiten der mittelalterlichen Besiedlung erhielt jedes Dorf, unabhängig von der Zahl seiner Einwohner, eine eigene Kirche. Noch heute sind es die meist in der Mitte des Ortes, oft auf einer kleinen Anhöhe gelegenen Kirchengebäude, die das Dorfbild entscheidend bestimmen, die Kirchtürme prägen als weithin sichtbare Orientierungspunkte die Landschaft. Fast immer sind die Kirchenräume auch die letzten verbliebenen öffentlichen Räume.

Immer mehr Gemeinden, aber auch ehrenamtliche Fördervereine öffnen die Portale ihrer Dorfkirchen für Besucher. Stolz präsentieren sie den Reichtum an Glaubens-, Kultur- und Lebensgeschichte, der sich hinter oft bescheidenen Kirchenmauern verbirgt. Gleichzeitig wollen sie aufmerksam machen, wie bedroht dieser Reichtum in vielen Fällen noch ist.

Mit der Erhaltung und Instandsetzung ihrer jahrhundertealten Baudenkmale sind die zahlenmäßig häufig nur noch kleinen Kirchengemeinden allein meist überfordert. Zu DDR-Zeiten war die Beschaffung ohnehin knapper Baumaterialien für die politisch ungeliebten Kirchengebäude doppelt schwer. Auch in den wechselvollen Jahrzehnten zuvor gab es für Renovierungsarbeiten kein Geld. So liegt die letzte umfassende Instandsetzung der Dorfkirchen meist sehr lange zurück. Umso erfreulicher ist es, dass die Bewahrung des gemeinsamen kulturellen Erbes im ländlichen Bereich zunehmend als eine Aufgabe begriffen wird, die alle angeht. Inzwischen kümmern sich mehr als einhundert örtliche Fördervereine um "ihr" Kirchengebäude. Im Rahmen des "Dorfkirchensommers" und darüber hinaus finden immer häufiger Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen und Lesungen statt, die die Kirche in der Mitte des Dorfes auch wieder zu einem Mittelpunkt des kulturellen Lebens werden lassen.

KUNST IN KIRCHEN / Musik in Dorfkirchen: Im Rahmen des Musiksommers Märkische Schweiz 2002 wird es neben "Klassik im Grünen" und den "Müncheberger Konzerten" auch "Musik in Dorfkirchen" geben.
Hier eine Auswahl der Konzerte, die jeweils 17 Uhr beginnen:
20. Mai (Pfingsten): Orgel- und Kammermusik; ev. Kirche Haselhorst.
9. Juni: das Sirius-Ensemble spielt Haydn und Bartòk; ev. Kirche Zindorf.
21. Juli: Christoph Schickedanz spielt Werke von Biber, Bach, Telemann und Roman; ev. Kirche Ihlow.
18. August: das Saxofon Quadrat spielt Alte Musik, Tango und Jazz; ev. Kirche Garzow.
15. September: das La Sonnerie Barockensemble spielt höfische Musik des 18. Jahrhunderts; ev. Kirche Pritzhagen.
6. Oktober: Gisbert Näther mit der Prinzensuite nach Antoine de Saint-Exupéry; ev. Kirche Klosterdorf. Karten zum Preis von fünf Euro (ermäßigt drei Euro) gibt es über das Fremdenverkehrsamt Märkische Schweiz, Tel. : 033433 - 575 00.

Dorfkirchensommer: Die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg lädt anlässlich des Dorfkirchensommers zu zahlreichen kulturellen Veranstaltungen ein. Musiker und Chöre aus Osteuropa, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz, Italien, Kanada und den USA kommen in die Mark Brandenburg, Vorleser und Maler von hier gehören zum festen Kreis des Dorfkirchensommers. Kostenlose Programmhefte sind erhältlich bei Pfr. Roland Wieloch, Dielingsgrund 50, 12305 Berlin - bitte einen frankierten Rückumschlag (C5, 1,53 Euro) beilegen.

Zu einem Benefizkonzert für uckermärkische Dorfkirchen wird am Samstag, dem 15. Juni, um 19 Uhr in die Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg geladen. Zu hören ist Christina Korsch am Cembalo sowie Mitglieder des Orchesters der Komischen Oper Berlin. Der Erlös des Konzertes ist bestimmt für die Notsicherung der Dorfkirche von Küstrinchen (bei Lychen) sowie für die Restaurierung der Migendt-Orgel in Ringenwalde (Templin).
Kartenvorverkauf unter Tel. : 449 30 51. Eintritt: 12,50 Euro (erm. 7,50 Euro).

Eine Bustour zu märkischen Dorfkirchen "Am Rande des Baruther Urstromtals" startet am Samstag, dem 21. September, um 8. 30 Uhr am Berliner Dom (Lustgartenseite). Sie führt über Stülpe, Paplitz, Dornswalde, Rietzneuendorf, Waldorf, Krausnick zurück nach Berlin.
Preis: 40 Euro. Anmeldungen bis zum 15. August an den: Förderkreis Alte Kirchen Berlin- Brandenburg e. V. , Kastanienallee 69, 10119 Berlin. Telefon und Fax: 449 30 51.

Die Broschüre "Offene Kirchen 2002 - Brandenburgische Dorfkirchen laden ein" stellt etwa 250 Kirchengebäude mit Kontaktadressen und Öffnungszeiten vor. Daneben enthält das Heft zahlreiche Beiträge, die sich mit Geschichte und Ausstattung sowie mit Problemen der baulichen Erhaltung der Dorfkirchen beschäftigen. Sie ist für drei Euro in Buchhandlungen, Tourismusämtern und den beteiligten Kirchen erhältlich, oder direkt beim: Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e. V.
Freiexemplare: 25 Exemplare der Broschüre "Offene Kirchen 2002" verlost die Berliner Zeitung. blz-marketing@berlinonline.de oder per Postkarte an die Berliner Zeitung, Redaktionsmarketing, 10171 Berlin. Stichwort: Dorfkirchen. Einsendeschluss ist der 17. 05. 2002.

 

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