TURM DER STÜLERKIRCHE IN NIETWERDER IST UNDICHT / SONNTAG BENEFIKONZERT

Eimer unterm Glockenstuhl

JULIANE WAGNER

NIETWERDER Jeder Tag, an dem es regnet, ist ein schlechter Tag. Dann wird's feucht im Turm der Stülerkirche zu Nietwerder. Das Mauerwerk ist undicht. Sobald Regen gegen die Kirchenwände peitscht, steigt die Luftfeuchtigkeit im Inneren des Turmes spürbar. Manchmal regnet es durchs Dach und in den eigens aufgestellten Eimern sammelt sich das Wasser.

Es ist ein kühler, aber trockener Morgen, an dem Frank Metzelthin (46) hinaufsteigt. Bis knapp unter den Glockenstuhl geht's über Holzleitern aufwärts. Steil aufwärts. "Da", sagt Metzelthin und zeigt auf eine nasse Stelle an der Wand. "Sehen Sie's?" Bloß nicht nach unten gucken. Die Wand wirkt wenig Vertrauen erweckend. "Das hält alles", versichert Metzelthin mit ruhiger Stimme und klettert auf die nächste Leiter.

Unzählige Male ist er schon im Turm gewesen - mit Gutachtern, Sachverständigen, oft auch allein. Metzelthin, Kirchenältester und Küster, kennt jeden Winkel der Kirche. Als Mitglied des Historischen Vereins der Grafschaft Ruppin hat er sich auf alte Gotteshäuser und Hollenbach-Orgeln spezialisiert. In Nietwerder hat er beides. Und glänzt vor Besuchern des Gotteshauses mit lückenlosem Wissen über Friedrich August Stüler (1800-1865) und Albert Hollenbach (1850-1904).

Dass die Kirche wenig verschnörkelt und solide gebaut wurde, haben die Menschen aus Nietwerder Stüler zu verdanken. Allerdings gehen die Pläne nicht komplett auf den Schinkelschüler zurück. Stüler überarbeitete einen Entwurf des Kreisbaumeisters Maaß von 1860, bevor die Kirche im Jahr 1867 errichtet wurde. Wie aufgezogen erklärt Frank Metzelthin an Kopien der Entwürfe, was Stüler änderte: Hier strich er eine Säule, dort ein verziertes Fenster.

Woran er vor weit mehr als 100 Jahren noch nicht denken konnte, war, dass ein Dach irgendwann mal kaputtgeht. Mit dieser Tatsache muss sich nun die Nachwelt befassen - Frank Metzelthin allen voran.

Dass auch mit wenig Geld eine Menge zu erreichen ist, hat der Küster im Oktober vergangenen Jahres gelernt. Da stand zur Abwechslung einmal er staunend daneben, während der Orgelliebhaber John Barr die Königin der Instrumente bei klirrender Kälte gründlich auf den Kopf stellte. Mit Hilfe eines befreundeten Orgelbauers nahm der gebürtige Amerikaner jede Pfeife einzeln auseinander. "Da drin hatte sich eine ganze Menge angesammelt", erzählt Metzelthin und schmunzelt. "Nester und Vogelskelette haben sie rausgezogen." Er rümpft die Nase. "Und Vogeldreck."

Die Orgel zu spielen ist noch immer eine technische Herausforderung. Nicht alle Register funktionieren reibungslos, die Haut des Blasebalgs ist mürbe. Doch mit Tricks und Feingefühl kann ein Organist wie John Barr das Instrument wieder zum Klingen bringen. "Das fand ich faszinierend", sagt Frank Metzelthin.

Auch Martin Domke wird das Kunststück wohl gelingen. Der Kantor greift am Sonntag (16 Uhr) bei einem Benefizkonzert für die Kirche in die Tasten des reparierten Instruments. Unter Domkes Leitung musiziert der Barockmusikkreis der Neuruppiner Kantorei. Der Eintritt ist frei, um Spenden für die Turmsanierung wird gebeten. Im Anschluss gibt's Kaffee und Kuchen in Achims Scheune. Weil Nietwerder zusammenhält, wenn's um die Kirche geht.

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