Jesus ist ausgezogen

Eine junge Filmemacherin hat die Briester Kirche gekauft

FRANK BÜRSTENBINDER

 Briest

BRIEST Wer zu ihr möchte, muss sich keine Hausnummer merken oder nach einem Klingelknopf suchen. Es ist das höchste Gebäude im Ort, mit einem Wetterhahn und einer goldenen Kugel drauf. Juliane Beer hat die Dorfkirche gekauft. Nicht um darin zu wohnen. Ein Haus der Kunst soll der 1888/89 im neogotischen Stil errichtete Backsteinbau werden - mit Ausstellungen, Aufführungen und viel Platz für Experimente. "Ein wertvoller Ort, um denken", findet die angehende Filmproduzentin, die kurz vor dem Abschluss ihres Studiums an der Filmakademie in Wien steht. Sie selbst sei nicht religiös, doch nähere sie sich mit Respekt dem historischen Mittelpunkt des Dorfes.

Für die Briester wird die Kirche immer die Kirche bleiben. Dort wurden sie getauft, konfirmiert, getraut und zu Grabe getragen. Doch seit ein paar Monaten ist sie kein Haus Gottes mehr. Wo Jesus am Kreuz hing, ist nur noch ein dunkler Fleck an der Wand. Der Altar ist abgebaut. Auf der Empore fehlt die Orgel. Eine kahle Stelle auch dort, wo einst der Pfarrer zur Kanzel hinaufstieg. Weggeschafft wurde das Gestühl. Im Zuge der Entwidmung hat die Kirchengemeinde Plaue das religiöse Inventar entfernt.

Der Kirchengemeinde war das Gebäude schon lange ein finanzieller Klotz am Bein. Der bauliche Zustand wurde immer schlechter. Schon 2001 fusionierten die Briester mit den Plauer Christen. 2003 war die Lage so kritisch, dass die Kirche baupolizeilich gesperrt wurde und der Weihnachtsgottesdienst ausfallen musste (MAZ berichtete). Nach einer Notsicherung investierte die Kirchengemeinde noch einmal in eine teilweise Rekonstruktion. Dabei wurde unter anderem die abgesackte Dachkonstruktion wieder in ihre alte Lage gebracht. Doch für eine weitere Nutzung sah die Kirche keinen Bedarf mehr. Weil auch kein Förderverein, wie in anderen Dörfern, in Sicht war, wurde 2004 der Beschluss zum Verkauf gefasst. "Weitere Arbeiten würden unsere Finanzkraft übersteigen", sagte Pfarrerin Christiane Beutel damals.

Nach wie vor besteht hoher Restaurierungsbedarf, doch die Kirche darf wieder betreten werden. Juliane Beer will so wenig wie möglich verändern. Wo der Altar stand, sei eine Probebühne denkbar. Und in die Winterkirche kommt eine kleine Küche mit Platz zum Kaffee kochen. Wasser muss die neue Hausherrin von der anderen Straßenseite heranschaffen. Juliane Beer ist in Berlin aufgewachsen, kennt Briest aber seit Kindertagen. Oft war sie zu Besuch bei ihrer Großmutter Maria Slotta. Die nahm die Kleine Weihnachten dann mit - zum Gottesdienst in die Kirche.

Märkische Allgemeine vom 13. Mai 2006

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