Ein Gotteshaus im Selbstbau

Im Oderbruch entsteht der erste Kirchen-Neubau seit Jahrzehnten

JEANETTE BEDERKE

SEELOW Dieter Sawall ist einer, der nicht lange redet, sondern zupackt. Zunächst hat der Zimmermannsmeister in seinem Heimatort Altbarnim (Märkisch-Oderland) einen hölzernen Fachwerk-Glockenschauer gerettet. Das Meisterstück eines Handwerkskollegen ersetzt den fehlenden Kirchturm – verdeckte nach Meinung der Denkmalbehörde jedoch die Sicht auf die kleinste Fachwerkkirche des Oderbruchs. Statt wie verlangt den Glockenschauer einfach abzureißen, besorgte Sawall schwere Technik und verschaffte dem hölzernen Glockenturm kurzerhand einen anderen Standort.

War dem Handwerksmeister da schon die Anerkennung der Dörfler gewiss, so sorgt er nun auch außerhalb von Altbarnim für Furore. Denn jetzt baut Sawall eine komplette Kirche. Ehrenamtlich und gemeinsam mit seinen früheren Meisterschülern hat er im Oderbruch-Örtchen Sophienthal einen Fachwerk-Rohbau zusammengezimmert. Damit entsteht in dem am stärksten kriegsverwüsteten Landstrich Deutschlands der erste Kirchen-Neubau seit Jahrzehnten. Die Hälfte der 55 Gotteshäuser im Oderbruch war nach der Schlacht um die Seelower Höhen 1945 zerstört, 50 Jahre später gab es noch immer 18 ruinöse Sakralbauten. Fünf der 16 Pfarrsprengel besaßen überhaupt kein intaktes Gotteshaus mehr.

Roland Kühne, Superintendent des Kirchenkreises Oderbruch, bezeichnete die Situation damals als deutschlandweiten Notfall. Der geschätzter Kostenaufwand für die Sanierungsarbeiten wurde auf neun Millionen Euro geschätzt. In den letzten zehn Jahren hat sich aus Sicht des Superintendenten viel getan. „Die Landeskirche Berlin-Brandenburg hat uns beim Erhalt der Kirchen unterstützt, teilweise gab es auch Hilfe vom Land, die meisten Ruinen konnten durch den Einsatz von Beschäftigungsgesellschaften gesichert werden.“

Das Sophienthaler Original aus dem 18. Jahrhundert war von den Kämpfen während des Zweiten Weltkrieges nahezu verschont worden. Erst das Oder-Hochwasser 1947 machte aus dem kleinen Gotteshaus eine Ruine, deren Reste später als Baumaterial eingesetzt wurden. „Deshalb gibt es auch keinerlei Original-Inventar mehr“, erzählt Pfarrer Frank Schneider. Seit der Naturkatastrophe mussten sich die Sophienthaler mit einer schlichten Baracke für Gottesdienste und Andachten begnügen.

Schon seit Jahren gab es im Ort den Wunsch nach einer neuen Kirche, nicht nur für die 30 Gemeindemitglieder, sondern als Gebäude für den ganzen Ort. Doch scheiterten Pläne immer wieder am fehlenden Geld – weder das kirchliche Bauamt, noch die Landeskirche stellten Mittel in Aussicht. Pfarrer Schneider kannte Zimmermann Sawall aus Gottesdiensten in Altbarnim und sprach ihn schließlich an. „Meine Idee war, die neue Kirche in Sophienthal gemeinsam zu bauen, wobei sich die ganze Region engagiert. Das schafft eine ganz andere Identität.“ Dieter Sawall machte den Anfang, ein Dachdeckermeister im Ruhestand meldete sich und inzwischen werkeln immer mehr freiwillige Helfer an dem kleinen, 42 Plätze fassenden Fachwerkbau, wobei sich die Kirchenbauer anhand alter Dokumente eng am Original orientieren.

„Die ganze Aktion zeigt, dass im Osten nicht nur Frustrierte leben, sondern Leute, die auch kostenlos was tun“, freut sich der Pfarrer. Spätestens im kommenden Frühjahr soll das Gemeinschaftswerk mit den runden Bleiglasfenstern eingeweiht werden. Für die Innenausstattung sucht der Pfarrer noch ein Harmonium, außerdem sind Spenden für die künftige Bestuhlung erwünscht. Rund 40 000 Euro hat der Kirchenkreis Oderbruch zur Verfügung gestellt, außerdem ein Darlehen über 25 000 Euro, der Rest sind Eigenleistungen und Baurücklagen. „Was in Sophienthal passiert ist einmalig und beispielgebend. Das ganze Dorf ist plötzlich aufgewacht“, erklärt Superintendent Kühne.

Ermutigt durch den gemeinschaftlichen Kirchenneubau fasst Pfarrer Frank Schneider bereits das nächste Projekt ins Auge: Das 1831 erbaute Gotteshaus im Nachbarort Kienitz hat nasse Wände, ein bröckelndes Feldsteinfundament und muss dringend saniert werden. Die kleine, weiß getünchte Kirche wurde vor allem durch die malende Pfarrerswitwe Erna Roder bekannt. Sie verkaufte ihre Bilder, um mit dem verdienten Geld „ihre“ Kirche vor dem Verfall zu retten. Inzwischen lebt die hochbetagte Malerin schon seit Jahren in einem Altersheim – um das Kienitzer Gotteshaus kümmert sich seitdem niemand mehr.

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