Ein Kunstschatz kam ins Oderbruch

Neutrebbin (MOZ) Die Pfarrkirche des Dorfes könnte zu einem Mekka für Kunstinteressierte im Oderbruch werden. Denn seit Samstag befindet sich darin ein ganz besonderes Kunstwerk: Die einzige vollständige Replik des berühmten Isenheimer Altars. Es handelt sich um eine Dauerleihgabe von Marga Fischer aus dem unterfränkischen Massenbachhausen bei Heilbronn. In fast 20-jähriger Arbeit hat der Maler Franz Bannholzer im Auftrag des Textilfabrikanten Alois Fischer den Bilderzyklus des berühmten spätgotischen Wandelaltars, um ein Drittel verkleinert, kopiert. Detailgetreu, fantastisch. Marga Fischer und ihre Familie zeigten sich am Wochenende bei ihrem Besuch in Neutrebbin zufrieden. "Diese Kirche ist ein guter Platz für den Altar", sagte die Leihgeberin.

Von Ines Rath

Replik des Isenheimer Altars

Das Unterlinden-Museum im elsässischen Colmar ist wegen ihm nach dem Louvre in Paris das am zweithäufigsten besuchte Museum Frankreichs. Seit Sonnabend befindet sich nun die einzige vollständige Replik des berühmten Isenheimer Altars in der Neutrebbiner Pfarrkirche. Am Sonntag wurde der Altar im Beisein von Leihgeberin Marga Fischer und ihrer Familie mit einem festlichen Gottesdienst eingeweiht.

Zwar bietet die Kirche nicht den Platz, um den gegenüber dem Original um ein Drittel kleineren Altar in einem Stück an die Wand des Altarraumes zu bringen. Je zwei Gemälde hängen dem Altar zur Seite. Doch der Wirkung des Kunstwerkes tut dies keinen Abbruch. Wer die Kirche betritt, erschauert vor Erstaunen: Eine solche Ausdrucksstärke, Lebendigkeit der Darstellung, Kraft der Farben sucht ihresgleichen. Mit diesen Gemälden hat Maler Franz Bannholzer ein einzigartiges Lebenswerk vollbracht. Fast 20 Jahre hat er an dem Zyklus gearbeitet.

"Wir haben den Altar aus evangelischer Sicht angeordnet", erklärte Pfarrer Hardy Enseleit Marga Fischer und ihrer Familie am Samstagnachmittag bei der Besichtigung der Kirche und des Altars. Die Gemälde des eigentlichen Altars stellen Szenen aus dem Leben von Jesus Christus dar und stehen somit für den Verlauf des Kirchenjahres. Die Darstellungen der (katholischen) Heiligen und der Madonna befinden sich an den Seitenwänden.

"Der Altar ist wie ein Auftragswerk für unsere Kirche. Er passt genau an die so lange kahle Altarwand", schwärmte Hardy Enseleit während der kleinen Führung förmlich. Und er erzählte den Fischers vom Ausbau des einstigen Kanzelaltars in den 50-er Jahren. Seitdem gab es im schmucklosen Altarraum nur einen Tisch.

Marga Fischer zeigte dem Pfarrer ein Porträt ihres kurz vor der Fertigstellung des letzten Gemäldes 2001 verstorbenen Mannes Alois und sagte: Der Altar habe im großen Arbeitszimmer ihres Mannes gehangen. "Jeden Morgen, bevor er das Haus verließ, ist er hinein gegangen und hat sich beim Betrachten des Altars Kraft für sein Tagwerk geholt", so die Witwe. Sie ist sich sicher: "Mein Mann wäre zufrieden mit meiner Entscheidung, den Altar hierher zu geben."

Namens des Kirchenkreises Oderbruch sprach Superintendent Roland Kühne der Fränkin seinen tiefen Dank aus. Die Christen im Oderbruch, die zum Kriegsende mehr als 30 Kirchen verloren haben, hätten eine Gabe wie diese besonders verdient, meinte der Superintendent. Er bekannte, dass man zunächst erwogen habe, den Altar in die Seelower Stadtkirche zu bringen. "Doch er wirkte dort längst nicht so wie hier, in Neutrebbin. Diese Kirche braucht den Altar", so Kühne. Klaus Stermann aus Neuentempel hat auf einer Tafel in der Kirche Informationen zum Altar zusammengetragen. Der Isenheimer Altar gehört zu den bedeutendsten Werken der Kunstgeschichte. Seine Entstehung wird auf die Zeit zwischen 1508 und 1511 oder 1511 und 1515 datiert. Über die Urheberschaft streitet sich die Fachwelt bis heute. Während die einen Meister Mathis Grünewald nennen, ordnen andere dem Würzburger Meister Mathis Gothart, genannt Nithart, das Verdienst an dem Kunstwerk zu.

Der Altar entstand für das Hospital des Antoniter-Ordens im elsässischen Dorf Isenheim. Der Orden widmete sich der Pflege jener Ausgestoßenen, die am so genannten Antoniusfeuer, einer lepra-artig verlaufenden Vergiftung durch den Getreidepilz Mutterkorn litten. Später wurden auch an Pest, Cholera, Lepra und Syphillis Erkrankte aufgenommen.

Der Isenheimer Altar war ein Wandelaltar. Er bestand aus vier Flügeln, die von beiden Seiten bemalt waren. Die erhaltenen Reste des während der Französischen Revolution abgebauten Altars befinden sich heute im Unterlinden Museum in Colmar.

Fabrikant Alois Fischer beauftragte in den 80-er Jahren den Kunstmaler Franz Bannholzer, Repliken der Altargemälde anzufertigen. Die sieben Einzel- und zwei Doppelbilder sind ein Drittel kleiner als die Originale und nicht mehr von beiden Seiten bemalt.

Nach Neutrebbin sind die Gemälde nach dem Tod Alois Fischers durch Vermittlung des Berliner Malers und Restaurators Erhart Wagner gekommen, der die Familie Fischer durch einen Malkurs kennt. Er erzählte seinem jetzt in Neuetempel lebenden Freund Klaus Stermann von dem Altar, der in eine aktive Kirchengemeinde kommen sollte - und jetzt kam.

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