Mit der Kirchentür fängt alles an

In Dretzen steht ein kaiserliches Schul- und Bethaus / Der Verfall soll nicht weitergehen

DRETZEN "Hier drin bin ich mal konfirmiert worden", sagt Otto Nethe stolz. Das ist bald 60 Jahre her. Heute ist die kleine Dorfkirche marode, wegen Einsturzgefahr gesperrt. Kein Gottesdienst mehr. Die letzte Taufe, die letzte Trauung liegen lange zurück. Mit Pinsel und Farbe setzt der Rentner ein Signal gegen den Verfall des neoromanischen Backsteinbaus. Die von Tischler und Gemeindevertreter Andreas Rexhausen ausgebesserte Kirchentür bekommt einen frischen Anstrich. Die Treppe hatte sich bereits Dieter Nagel vorgenommen. Wenigstens der Eingang soll den Dretzenern zeigen: Unsere Kirche lebt noch. Akustisch sorgt dafür schon seit einiger Zeit Lothar Breuer. Jeden Sonnabend Punkt 18 Uhr läutet er den Sonntag ein.

Im Kirchspiel Ziesar steht die Dretzener Kirche im Schatten ihrer berühmten Schwestern in Buckau, Bücknitz und natürlich Ziesar. "Zu unrecht", wie Sylke Schmelzer von der Kirchengemeinde Buckau/Dretzen findet. Der schlichte, aber wohl proportionierte Bau bildet einen Komplex mit dem heutigen Gemeindehaus und wurde 1908 auf Initiative von Kaiser Wilhelm II. als "Schul- und Bethaus" errichtet. Davon gibt es nicht mehr viele im Land Brandenburg. Um so mehr schmerzt das Elend, das sich dem Betrachter bietet: Putz fällt von der Decke, Wasserschäden an den Wänden, ein staubbedecktes Harmonium scheint sich seinem Schicksal ergeben zu haben. Das Taufbecken wurde in eine dunkle Ecke verbannt. Im angrenzenden Schulhaus fehlt in Teilen der Fußboden. Weil das nicht so bleiben soll, hat sich eine Arbeitsgruppe aus engagierten Dretzenern gebildet, um ein Nutzungskonzept und einen Schlachtplan für die Rettung des Ensembles zu entwerfen. Auf deren Druck hin wurde man auch im zuständigen Kirchenkreis Elbe-Fläming wach. Ein Gutachter und eine Baupflegerin werden kommenden Donnerstag die Kirche besichtigen, um Vorschläge für die Zukunft zu machen.

Der Anlass für den Bau des Dretzener Schul- und Bethauses war vermutlich die Anlage des Truppenübungsplatzes Altengrabow und die damit verbundene Entsiedelung von Dörfern. Zum Beispiel wurden die Inventare der Gloiner Kirche auf die umliegenden Gemeinden verteilt. So kam Dretzen zu seiner aus dem 17. Jahrhundert stammenden Kanzel - einer der Lichtblicke in der Kirche. Wie die Herrenhuter Sterne, die seit 2002 in der Adventszeit mit ihrem Licht ein wenig Glanz zurückbringen. Der Anfang ist gemacht.

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