Herr Prof. Dr. Norbert Huse, der Träger des Karl-Friedrich-Schinkel-Ringes, der höchsten Auszeichnung, die das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz für ein Lebenswerk im Dienste der Denkmalpflege verleiht, hat folgenden Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung geschickt:

An die FEUILLETON Redaktion der Süddeutschen Zeitung

SZ vom 21.07.2003, S. 12, "Peanuts für die Dorfkirche"

Sehr geehrte Damen und Herren!

Haben Sie Dank für die Veröffentlichung dieses hervorragend recherchierten und präzise argumentierenden Artikels, in dem sich Ira Mazzoni einmal mehr als die führende Denkmalschutz-Expertin im deutschen Journalismus ausweist.

Der Sachverhalt, dem der Artikel gilt, ist denkmalpflegerisch eine Katastrophe und politisch eine kapitale Dummheit, denn selten hat es ein so wirksames und Segen stiftendes Programm gegeben wie das Low-Budget Unternehmen "Unter Dach und Fach", das jetzt aufgegeben werden soll. Gegenstand der Förderung waren nach den Richtlinien von 1996 "kleinere Baudenkmäler vorwiegend in den ländlichen Regionen der neuen Länder und im Ostteil der Stadt Berlin, die akut von Verfall bedroht und durch vorbeugende oder schadensverhütende Maßnahmen in ihrem baulichen Bestand bis zur späteren abschließenden Sanierung erhalten und gesichert werden sollen". Förderungswürdig waren "Maßnahmen zur Beseitigung und Verhütung von Witterungsschäden und des Insekten- und Schwammbefalles; Sanierung von Fundamenten und tragenden Bauteilen; Sanierung von schadhaften Dachstühlen und Dächern einschließlich des Neuaufbaus und der Neueindeckung; Sanierung bzw. Restaurierung von schadhaften Tür- und Fensteranlagen." Der finanzielle Aufwand für den Bund war gering; die Wirkung dagegen war dank einer engagierten und intelligenten Umsetzung ganz unverhofft breit und nachhaltig.

Aber damit soll es nun vorbei sein. Wer im April dieses Jahres auf dem 1. Konvent zur Vorbereitung einer Nationalstiftung für Baukultur in Bonn nicht nur vom Bundespräsidenten, sondern auch von Kulturstaatsministerin Weiss engagierte Bekenntnisse zum Denkmalschutz als eines essentiellen Bestandteils nationaler Baukultur zu hören bekam, der kann sich nur die Augen reiben. Denn wie soll eine solche Baukultur wirklich wachsen und gedeihen, wenn sie sich weiterhin auf die Metropolen und die touristischen Zentren konzentriert und den ländlichen Raum weiterhin links liegen lässt? Und das nachdem das auslaufende Programm "Dach und Fach" materiell wie ideell doch nun wahrlich Erstaunliches, Bewundernswertes und Vorbildliches bewirkt hat. Die Reparatur der eigenen kleinen Dorfkirche zum Beispiel ist an vielen Orten zum Katalysator für Entwicklungen geworden, von denen nicht nur das notleidende örtliche Handwerk profitiert, sondern auch die kulturelle Wiederbelebung der Region sowie Identitätsfindung und Selbstbewusstsein ihrer Bewohner.

Stattdessen sollen jetzt nur noch "Kultureinrichtungen von nationaler Bedeutung" gefördert werden. Das ist die alte Dorfkirche in dem uckermärkischen Flecken Groß Fredenwalde, wo Kirchengemeinde und ein neu gegründeter Heimatverein sich Hoffnungen auf Fördermittel machen konnten, für sich genommen natürlich nicht. Wohl aber sind diese Kirchen im ganzen und der in Gang gekommene vorbildliche Umgang mit ihnen eine Sache von größter nationaler Bedeutung. Das Denkmalschutz Sonderprogramm "Dach und Fach" muß deshalb erweitert und aufgestockt, nicht aber eingestellt werden.

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