Turmknauf gibt sein Geheimnis preis

Dokumente aus dem Jahr 1885 bei der Sanierung der Nieder Neuendorfer Kirche geborgen

ULRICH BERGT

Morsches Holz 
Morsches Holz: Polier Andreas Hempel zeigt, wie stark die Konstruktion in Mitleidenschaft gezogen ist.
Foto: Ulrich Herbst

NIEDER NEUENDORF "Die Kuppel ist hinaufgebracht am Sonntag den 16ten August, indem die beiden Kirchen-Aeltesten, der Kossäten-Altsitzer Vogel und der Gastwirt Marzahn, sie hinaufgezogen", notierte im Sommer 1885 der Nieder Neuendorfer Pfarrer Baack. Mit dem feierlichen Akt wurden die Sanierungsarbeiten am Turm der Dorfkirche abgeschlossen. In einem zweiten Schriftstück sind die Namen aller am Bau beteiligten Dachdecker aufgelistet.

122 Jahre lang ruhten beide Dokumente in der Kugel auf der Kirchturmspitze. "Anfang Juni haben wir die Turmzier heruntergeholt", berichtet Pfarrer Siegfried Haff. Die Kugel war stark verwittert, der Inhalt der Kupferkartusche jedoch völlig unversehrt. Neben den beiden Papieren enthielt sie ein beidseitig beschriebenes Pergament, an dessen Entzifferung derzeit die Kreis-Denkmalbehörde arbeitet. Außerdem waren 13 Münzen in der etwa 30 Zentimeter langen Blechhülse deponiert. Die älteste ein Kupferpfennig stammt aus dem Jahr 1810. Ein kompletter Münzsatz, von der Mark bis zum Pfennig, wurden im Kaiserreich um das Jahr 1880 herum geprägt, dürfte also zusammen mit den beiden Schriftstücken in die Kugel gekommen sein. Ein zweiter Satz datiert aus dem Jahr 1924. Belegt ist, dass 1925 umfangreiche Umbaumaßnahmen am Turm vorgenommen wurden.

1885 kostete die Umdeckung des Turmdachs 1000 Mark. Gleichzeitig habe "der Besitzer des Gutes Nieder-Neuendorf, Herr Cohn, der christlichen Gemeinde daselbst zur Anschaffung einer Turmuhr 600 Mark geschenkt, wozu die Gemeinde noch 150 Mark zulegte", notierte damals Pfarrer Baack. Der Gemeinde gehörten "etwa 250 Seelen" an. Die Zahl der sonntäglichen Kirchenbesucher liege bei etwa 15, an hohen Festtagen erheblich mehr, schreibt der Pfarrer.

122 Jahre später sehe das nicht viel anders aus, befindet Siegfried Haff. Die Dokumente werden, wenn die Kirchensanierung abgeschlossen ist, wieder ihren Platz auf der Turmspitze finden ergänzt um aktuelle Zeitzeugnisse. Bis dahin werden noch einige Wochen ins Land gehen. Die Zimmerleute der Berliner Firma Schukowski Bau haben bereits einen Teil der morschen Balken gegen neue ausgetauscht. Nach dem Turm kommt dann das Dachgebälk des Kirchenschiffs an die Reihe.

Märkische Allgemeine vom 03. Juli 2007

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