Einblicke nach 86 Jahren

Turmknopf der Neustädter Kreuzkirche abgenommen / Öffnung in dieser Woche

Siegbert Weiß mit dem abgenommenen Turmknopf 
Siegbert Weiß mit dem abgenommenen Turmknopf.
Foto: Weiß

NEUSTADT - Der Turm der Neustädter Kreuzkirche wird zurzeit saniert. Begonnen haben die Arbeiten im November des Vorjahres mit dem Einrüsten.

Die Arbeiten am Turm der Kreuzkirche sind recht aufwändig. Neben der Auswechslung schadhafter Balken, dem Aufarbeiten der Schallluken und Säulen sowie den Arbeiten am Schieferdach muss auch die Turmbekrönung aufgearbeitet werden. Bei dem großen Sturm im November 1972 sind ein Teil der Wetterfahne und die Turmspitze, ein kupferner Stern, heruntergeweht worden. Außerdem hat der Zahn der Zeit an den Schmiedearbeiten genagt.

Für die Bekrönung von Kirchtürmen ist neben der meist vorhandenen Wetterfahne und anderen Schmuckteilen auch ein Turmknopf zur Aufbewahrung alter Dokumente üblich. Dieser Turmknopf kann verschiedene Formen haben. Bei der Neustädter Kirche handelt es sich um einen sogenannten Sonnenknopf mit umlaufendem Ring.

In den Jahren von 1919 bis 1921 erfolgten umfangreiche Umbauarbeiten im Turmbereich der Kreuzkirche. Dabei wurde auch der Turmknopf zur Sichtung der Dokumente geöffnet und (sicherlich) mit Schriftstücken der damaligen Zeit versehen. Nach der Fertigstellung und technischen Abnahme der Rüstung am 6. Dezember des Vorjahres konnte nach 86 Jahren dieser Turmknopf erstmals wieder in Augenschein genommen werden. Leider wurden dabei Einschüsse sichtbar, die in den letzten Kriegstagen 1945 oder kurz nach Kriegsende als "Freudenschüsse" russischer Soldaten entstanden sind. Vielerorts nutzten die Soldaten den Turmknopf als Zielscheibe im Jubel darüber, dass der schreckliche Krieg zu Ende war und sie ihn unbeschadet überstanden hatten. Hoffen wir nur, dass dabei die dort drinnen vermuteten Dokumente nicht beschädigt wurden.

In der vergangenen Woche war die Abnahme der Turmbekrönung und somit auch des Turmknopfes erfolgt. Mitarbeiter der bauausführenden Firma Oehnerland GmbH, Pfarrer Wolf Fröhling, Gemeindekirchenrat Siegbert Weiß sowie Architektin Barbara Biehler vom Ingenieurbüro Trecase waren auf der über 30m hohen Rüstung der Kreuzkirche und bargen den Turmknopf. Es wurden erste Vermessungen durchgeführt. Die ergaben einen Kugeldurchmesser von 50 Zentimetern sowie ein Gewicht von 18,5 Kilogramm. Das vier Millimeter starke Kupferblech wurde von zehn Einschüssen durchschlagen. Es hat den Anschein, dass sich zwei Kartuschen in der Kugel befinden und diese nicht beschädigt wurden. Die Kirchengemeinde hofft, aus den darin befindlichen Dokumenten weitere Rückschlüsse zur Stadt- und Kirchengeschichte ziehen zu können.

Der Turmknopf wird bis zur endgültigen Öffnung an einem sicheren Ort aufbewahrt. Die Öffnung findet wahrscheinlich in dieser Woche statt. (Von Siegbert Weiß)

Märkische Allgemeine vom 21. Januar 2008

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