Putz wird für 176 000 Euro erneuert / Hülle soll zum Stadtfest im September fallen

Lübbener Kirchturm erhält neue Haut

Lübben. Verhüllungskünstler Christo hätte den Turm an der Lübbener Paul-Gerhardt-Kirche wohl nicht schöner eingepackt. Doch nicht die Plane am 16-stöckigen Baugerüst ist das Kunstwerk. Die Feinarbeit wird hinter der weißen Hülle geleistet: Mitarbeiter einer Spezialfirma geben dem Bauwerk eine neue Haut. Auf einer Fläche von insgesamt 1250 Quadratmetern wird ein neuer Putz aufgebracht – nur 20 Jahre nach der bislang letzten Sanierung des Turmes. Am 11. Juni 1988 wurden mit dem Aufsetzen der Haube die Arbeiten abgeschlossen.

Lübben 
Der Kirchturm ist bis in eine Höhe von knapp 33 Metern eingerüstet.
Foto: T. Winkler

Hans-Jürgen Neumann steht auf dem Baugerüst und streicht mit einer Hand über den weißen, rissigen Kalkputz an der Kirchturmwand. «Bis in zehn Meter Höhe wurde dieser Opferputz aufgebracht» , erläutert der 62-Jährige. Er ist im Gebäudemanagement der Stadtverwaltung zuständig für den Hochbau. Opferputz heißt die Schicht, weil sie die Salze aus dem Mauerwerk ziehen soll und anschließend wieder abgeklopft wird. «Der Opferputz bleibt etwa drei Monate an der Wand» , so Neumann. «Einmal pro Woche wird der Putz angefeuchtet, damit er wirkt» , ergänzt Sebastian Fleckner (31), Polier der beauftragten Firma Fuchs und Girke aus dem sächsischen Ottendorf-Okrilla.

Zuvor war der alte Putz auf dem gesamten Außenmauerwerk komplett abgeschlagen worden – die Fläche ist nach Angaben von Hans-Jürgen Neumann 1250 Quadratmeter groß. Die Sanierung sei notwendig, weil der erst 20 Jahre alte Putz bereits «sehr anfällig gewesen ist» , sagt der Fachmann aus dem Rathaus. «Es gab bereits lose Stellen.» Die Feuchtigkeit im unteren Teil habe zu einer Versalzung geführt. Während der Sanierung vor zwei Jahrzehnten seien dem Putz Menschenhaare beigemischt worden, um ihn zu stabilisieren. «Die Haare wurden jedoch nicht richtig untergemischt. Es gab Verklumpungen.» Einige dieser «Nester» seien jetzt zum Vorschein gekommen. Ein Drahtgeflecht sollte dem Putz über größeren Rissen Halt geben. «Diese Armierung fing auch schon an zu rosten» , so Hans-Jürgen Neumann.

Nun erhält der Kirchturm für 176 000 Euro eine neue Haut. «Das Projekt wird komplett gefördert aus Mitteln der Innenstadtsanierung» , so der Rathaus-Mitarbeiter. Zurzeit strahlen Mitarbeiter der Spezialfirma das Mauerwerk ab, um es für den Unterputz vorzubereiten. Auch dieser Putz werde einen Zusatz erhalten, um besser zu binden. «Es werden aber keine Haare verwendet, sondern Flachs-Fasern» , erklärt Neumann. «Außerdem werden poröse Steine ausgewechselt und Fugen verpresst» , ergänzt Polier Fleckner. Die neue Oberfläche wird sich nach Angaben von Hans-Jürgen Neumann am Zustand von 1931 orientieren, als die Kirche restauriert wurde, dabei das Portal im Turm erhielt und in Paul-Gerhardt-Kirche umbenannt wurde. «Der neue Putz wird wahrscheinlich in einem ganz hellen Grauton gehalten, der fast ins Weiße geht» , erläutert Neumann. Ganz genau stehe das aber noch nicht fest. Erst müsse das Ergebnis der Untersuchungen von gefundenen alten Putzresten abgewartet werden.

Auf die Spuren des Originalputzes hat sich zuvor Ralph Schirrwagen begeben. Der Calauer ist freiberuflicher Restaurator und begleitet die Sanierung. «Die Westfassade des Kirchturms hatte eine Putzschichtenfolge von drei Einzelputzen auf dem Backsteinmauerwerk mit mittelalterlich geritzten Fugen» , sagt er. Die unterste Schicht sei anscheinend geglätteter, oberflächlich stark verschwärzter Putz ohne Fassung. Darüber liege ein vertikal betonter strukturierter Putz und schließlich der Sichtputz mit Haarzusatz und einem Ockeranstrich.

Nicht nur die Haut des Kirchturmes wird zurzeit saniert. Auch die Schall-Luken werden erneuert. «Die alten Lamellen sind zum Teil bereits heraus gefallen» , erläutert Neumann. Zudem würden die Fenster in Höhe der Uhr ausgetauscht. Dort, wo der viereckige Turmsockel in einen achteckigen Oberbau übergeht, sollen die Mauerwerksvorsprünge eine Abdeckung aus Kupfer erhalten.

Ebenfalls saniert wird das Portal. «Die Tür erhält einen neuen Anstrich. Die Reliefe werden ausgebessert» , ergänzt Hans-Jürgen Neumann.

Zum Stadtfest im September soll der Turm in neuem Glanz erstrahlen, so der Zeitplan. «Ich kann aber noch nichts versprechen» , schränkt Neumann ein.

Der Kirchturm stand in seiner mehr als 500-jährigen oft im Mittelpunkt der Geschehnisse. So, als er in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 in den Kämpfen um die Stadt in Flammen geschossen wurde, völlig ausbrannte und die barocke Kirchturmhaube auf den Marktplatz fiel. Aber auch in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, als er wegen Einsturzgefahr gesprengt werden sollte und nur aufgrund eines Gutachtens gerettet wurde, das aussagte, dass das Kirchenschiff ebenso einfallen würde. (mit fs)

Lausitzer Rundschau vom 11. Juni 2008

   Zur Artikelübersicht