WIEDERAUFBAU: Abschied von der Attrappe

Nach mehr als 50 Jahren bekommt die Heilandskirche wieder eine Orgel

POTSDAM / SACROW - Nach gut einem halben Jahrhundert ohne Orgel bekommen die Sacrower im Frühjahr endlich ein neues Instrument in ihre Heilandskirche. Um dafür Platz zu schaffen, wurde am Sonnabend die täuschend echte Pappmachee-Attrappe, die bisher den leeren Platz auf der Empore gefüllt hatte, abgebaut. Dort stand einst die Orgel aus der Potsdamer Werkstatt von Gottlieb Heise, Baujahr 1886. Aber während des Zweiten Weltkrieges zerstörte ein Granatsplitter das Kirchendach, die Orgel wurde stark beschädigt wäre allerdings reparabel gewesen, sagt Reinhard Beyer, der sich mit seinem Verein "Ars Sacrow" seit langem für ein neues Instrument einsetzt. Aber nach dem Krieg stand das Kirchlein im Grenzland, nach Weihnachten 1961 wurde eine Nutzung des Gebäudes durch die Gemeinde unmöglich. Innenraum und was von der Orgel nach Plünderungen noch übrig war, wurde mutwillig von Grenzsoldaten zerstört.

Seit den Neunzigern hat die Gemeinde Spenden gesammelt, im Juni soll die neue Orgel der Dresdner Werkstatt Wegscheider kommen. "Kristian Wegscheider hatte ein schönes Klangkonzept erstellt, das hat uns sehr gefallen", sagt Beyer. "Weiche, warme Stimmen mit hohem Grundtonanteil das passt sehr gut in unsere Kirche im italienischen Baustil." Preußisch-brandenburgische Orgeln seien oft schärfer und lauter.

Für beide Klangfarben gibt es auf der neuen Orgel Platz: sie teilen sich auf die beiden Manuale auf. Dazu kommen ein selbstständiges Pedal, an die 1000 Pfeifen und 17 Register. Beim Prospekt, also dem sichtbaren Teil des Instruments, hat man sich bemüht, dicht am historischen Vorbild zu bleiben. Das sei kriminalistische Kleinarbeit gewesen. Ein Hobbyarchäologe habe nach Überresten der Orgel um die Kirche herum gebuddelt und sei sogar im seichten Wasser getaucht. Die Teile geben Aufschluss über verwendete Holzarten. Was nicht mehr nach dem Original gearbeitet werden kann, wird so gebaut, wie damals üblich. 200 000 Euro kostet das nackte Instrument, die sind bis auf einen geringen Restbetrag durch Spenden und Benefizkonzerte fast beisammen. Verzierungen, Schnitzereien und Farbanstrich für den historischen Anblick werden weitere 30 000 kosten. "Ars Sacrow" hat zudem ein Pfeifenpatenprogramm ins Leben gerufen. Für einen Spendenbetrag von 125 bis 500 Euro kann man eine Patenschaft für "seine" Pfeife übernehmen. Bisher sind so 45 000 Euro gesammelt worden. (Von Steffi Pyanoe)

Märkische Allgemeine vom 09. März 2009

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