Gefährdete Schönheiten

Förderkreis setzt sich für Erhalt alter Dorfkirchen in Brandenburg ein

Dr. Hans Krag und Pfarrer Andreas Walczak-Detert 
Lassen die Kirche im Dorf: Dr. Hans Krag (r.) und Pfarrer Andreas Walczak-Detert.
FOTO: ROLF BIRKHOLZ

Gütersloh (rb). Die Kirche im Dorf zu lassen, fällt in Brandenburg oft gar nicht so leicht. Die im Land um Berlin verhältnismäßig starken Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und der Verfall in 40 Jahren atheistischem Staatssozialismus haben Spuren hinterlassen. Der Förderkreis Alte Kirchen will dazu beitragen, die Dorfkirchen als Teile einer Kulturlandschaft zu erhalten, "die uns allen gehört", so Dr. Hans Krag, zweiter Vorsitzender des Vereins.

Mit einem Gottesdienst an diesem Sonntag, 18 Uhr, öffnet in der Martin-Luther-Kirche die bis Pfingsten dauernde Wanderausstellung "Gefährdete Schönheit - Dorfkirchen in Brandenburg". Seit fünf Jahren macht der Verein so in Deutschland auf sein Anliegen aufmerksam. Inzwischen ist von den rund 1.400 Dorfkirchen laut Krag die Hälfte saniert, von den übrigen 700 seien 200 extrem gefährdet.

Im Laufe der Kolonisation Brandenburgs habe einst jedes Dorf seine Kirche bekommen, einige seien von Beginn an zu groß geraten. Nach dem Krieg ist Krag zufolge manches beschädigte Gotteshaus nicht restauriert, sondern aufgelassen worden, um Baumaterial für andere Häuser zu gewinnen. 20 Jahre nach der Wende wiederum finde man häufig frisch renovierte Privathäuser und mitten im Dorf eine heruntergekommene Kirche.

Der Verein versucht, die Kirchen als Identifikationsmerkmale und Kulturelemente sichtbar zu machen, auch und zumal in einer Gesellschaft, die nur noch zu 20 Prozent der Kirche angehört. "Es geht darum, erstmal die Leute zu aktivieren, dass sie sich um ihr Dorf kümmern", sieht Krag nicht zuletzt die soziale Funktion des Einsatzes fürs alte Dorfwahrzeichen. Nach einem Anschub durch Fördermittel und Ideen, entwickelten die Dorfbewohner in der Regel selbst Phantasie und Tatkraft. Das Bild vom "Jammer-Ossi" erweise sich dann bald als falsch, hat der aus dem Westen stammende Kirchenbewahrer Karg erfahren.

Infolge der weitgehenden Entkirchlichung jenseits der Elbe können aber selbst sanierte Kirchen mitunter nicht mehr (nur) kirchlichen Zwecken dienen. So sind sie heute auch Kultur-, Konzert-, Dorfgemeinschaftshaus oder Jugendzentrum. Und die Kirchengemeinde zahlt Miete, wenn sie die Räume an Feiertagen nutzen möchte.

Armut konserviert

Neben Geldbeträgen können auch Sachspenden aus aufgegebenen Kirchen im Westen weiterhelfen, Glocken oder Gestühl. Aber mancher Schatz findet sich auch noch in den Dorfkirchen. Da das Land stets arm war, blieben alte, wertvolle oder eigentümliche Ausstattungen erhalten. "Armut war schon immerein guter Konservator", weiß Hans Krag vom Vorstand des Förderkreises Alte Kirchen. Schirmherr dieses Vereins, der sich um die (evangelischen) Dorfkirchen Brandenburgs kümmert, ist der (katholische) stellvertretende Bundestagspräsident Wolfgang Thierse das mag andeuten, dass es hier um eine überkonfessionelle, allgemeinkulturelle Aufgabe geht.

Neue Westfälische vom 01./02. Mai 2009

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