Alle Register gezogen

Von Viola Petersson

Alle Register gezogen 

Hohenfinow (MOZ) Vor 100 Jahren wurde in Hohenfinow noch große Politik gemacht. Heute rauschen die Touristen einfach durch. Dabei ist ein Besuch des Dorfes lohnenswert, denn die hochherrschaftliche Vergangenheit hat bleibende Spuren hinterlassen. Ab 24. Mai gibt es einen Grund mehr, in Hohenfinow halt zu machen: die restaurierte Remler-Orgel.

Dienstag, 9 Uhr, in der Kirche: Harry Sander und sein Sohn Julian haben die Pfeifen ausgeladen und alles fein säuberlich im Gotteshaus zurecht gelegt. Register für Register. Ein jedes in eine Decke gehüllt. Zumindest die kleinen Pfeifen. Orgelbauer Sander schlägt die Decke zurück und erklärt: "Bei diesem Register fehlten fast alle Pfeifen." Sie wurden ersetzt. Einige der Metall-Exemplare sind ein Mix aus Alt und Neu. "Man kämpft einfach um jede originale Pfeife, wenn es irgendwie geht", so der Experte.

"Heute bauen wir die Register des Oberwerkes ein." Die Zeit drängt. Am 24. Mai wird die Orgel mit einem festlichen Gottesdienst und einem Konzert eingeweiht. Deshalb arbeitet die Eberswalder Orgelbauwerkstatt jetzt im Zwei-Schicht-System. Harry Sander am Vormittag, sein Kollege Andreas Mähnert am Nachmittag. "Wir wollen diese Woche fertig werden", so Sander, der sich mit dem Junior ans Werk macht

Am Montag hatte das traditionsreiche Unternehmen die Arbeiten am Hauptwerk abgeschlossen. Das tiefste Register, Bordun 16 Fuß, wurde eingebaut und gestimmt. Jenes hatte beim Weihnachtsgottesdienst, als die Orgel schon mal mit dem ersten Manual erklang, noch gefehlt. Ebenso wie das komplette zweite Manual, das jetzt in der Werkstatt an der Wilhelmstraße in Eberswalde überarbeitet wurde.

Während Harry Sander und Andreas Mähnert der "Königin der Instrumente" zu neuem Klang verhalfen, hat Dr. Thomas Krüger vom örtlichen Kulturverein für den Pfarrsprengeltag am 24. Mai an einer Festschrift gefeilt. 18 Seiten umfasst das Heftchen, für das der Internist, der in seiner Freizeit selbst musiziert, zahlreiche interessanten Fakten und Hintergründe zusammengetragen hat. So erfährt der Leser beispielsweise, dass es in Deutschland momentan 170 Orgelbaufirmen mit etwa 2500 Beschäftigten gibt. Gleichzeitig seien derzeit 53 000 Orgeln erfasst. "Zum Vergleich: Die katholische Kirche besitzt in Deutschland etwa 24 500 Gotteshäuser", so Krüger.

Mit der Festschrift spannt der Mediziner den Bogen von der Historie Hohenfinows und Bethmann Hollweg, der vor 100 Jahren zum Reichskanzler ernannt wurde, über die Geschichte der Kirche und deren Sanierung bis hin zum Aufbau und zur Funktionsweise einer Orgel. Wenn das Instrument am 24. Mai erstmals wieder mit allen 15 Registern, und damit 750 Pfeifen, erklingt, dann sei das Gotteshaus komplett. Das prächtige Kirchenschiff erhalte sein musikalisches Zentrum zurückerhalten, freut sich Dr. Krüger, der die Orgelsanierung als Erfolgsgeschichte bezeichnet. Gemeinsam wollen Kirchen- und Dorf-Gemeinde das Gotteshaus mit Leben erfüllen und zu einem Kulturzentrum entwickeln - mit Konzerten und Festen.

Vor dem ersten Konzert am übernächsten Sonntag werden Harry Sander und Andreas Mähnert kurz Rückschau auf die Restaurierung halten, von Holzwürmern berichten, die ihr Unwesen trieben, von gelöstem Knochenleim, von Zinn-Blei-Legierungen oder von "Aufschnitt". Und Siegfried Ruch schließlich wird Werke von Bach, Händel sowie Mendelssohn Bartholdy spielen.

"Ich habe das Orgelspiel auch bei Herrn Ruch gelernt", erzählt Julian Sander in einer kleinen Pause. Ab Herbst geht der 17-Jährige bei seinem Vater in Lehre. "Schon im Kindergarten stand für mich eigentlich fest, dass ich Orgelbauer werde", so der Junior.Pfarrsprengeltag in Hohenfinow: 24. Mai, 14 Uhr, Festgottesdienst, 15.45 Uhr Konzert

Das Gotteshaus war seit 1999 schrittweise, u. a. über das "Dach-Fach-Programm", rekonstruiert worden: Bekrönung, Gebäudehülle, Bleiglasfenster, Innenraum, Turmdach, Uhr und Geläut. Die Restaurierung der Orgel bildete den Abschluss der Sanierung. Dank der großen Spendenbereitschaft konnten die Arbeiten innerhalb eines Jahres realisiert werden, in einem Stück. Die Gemeinde hat sich mit 15 000 Euro an den Kosten (ca. 36 000 Euro) beteiligt.

Märkische Oderzeitung vom 13. Mai 2009

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