Vom Altarraum freier Blick nach Westen

Frankfurts Friedenskirche war jahrelang Sorgenkind, wird heute als Oekumenisches Europacentrum zur Begegnung von Menschen genutzt und lockte am Sonntag zum Tag der Architektur zahlreiche Besucher an. Neben dem Sakralbau waren die neuen Stadtvillen am nördlichen Oderufer für Interessierte geöffnet.

Von Annette Herold

Interessierte Gäste 
Interessierte Gäste: Ingrid Voll (M.) und Renate Schnabel erfahren von Architekt Uwe Wittig Baudetails. Vom Altarraum aus kann man in den westlichen Himmel sehen.
Foto: Michael Benk

"Das ist schon eine Leistung." Hannelore Grützner war die Bewunderung für die Arbeit der Architekten anzumerken. Schon während der Bauarbeiten habe sie interessehalber bei Spaziergängen mit ihrem Mann Ernst häufig in die Friedenskirche geblickt - nach dem Abzug der Handwerker im vergangenen Jahr ergab sich keine Gelegenheit für einen erneuten Besuch. Als in der vergangenen Woche im Stadtboten zu lesen war, dass das Gebäude zum Tag der Architektur geöffnet sein würde, planten Grützners ihren Sonntagsnachmittagsspaziergang in diese Richtung.

Die ungewöhnlichen Einbauten in den Südturm der Kirche - Toiletten und eine Teeküche sind in den drei hängenden Kästen untergebracht - brachten dabei nicht nur die Eheleute zum Staunen. Der Cottbuser Architekt Uwe Wittig konnte auch erklären, wie diese Lösung entstanden ist: Klar sei gewesen, dass für kleinere Veranstaltungen in dem Gebäude neben Versammlungsräumen auf der einstigen Orgelempore auch diese eher technischen Räume gebraucht werden würden. Eine zweite Vorgabe für das Architekturbüro Keller, Mayer und Wittig sei die Abstimmung mit dem Denkmalschutz gewesen und als Drittes stand fest, dass das Budget für den Bau begrenzt war.

Was unter diesen Prämissen auf der Empore und in einem der beiden angrenzenden Türme entstanden ist, nötigte Ernst Grützner jede Menge Hochachtung ab. Vor allem beeindrucke ihn, wie respektvoll die heutigen Baumeister mit der Arbeit ihrer Vorgänger umgegangen seien. Das sei von Anfang an eine Grundbedingung gewesen, erläuterte Architekt Wittig. So sei das Parkett in den Versammlungsräumen lediglich auf die alten Dielen darunter aufgelegt. Die bis zu 750 Kilogramm schweren Glasscheiben, die die Räume vom Kirchenschiff abgrenzen, seien mittels Spe- zialkonstruktion nur an das alte Mauerwerk gelehnt. Stabilisiert würden sie durch querliegende Träger, die mit Eichenholz verblendet sind.

Diese Glasscheiben ermöglichen eine Besonderheit der im Laufe ihrer Geschichte immer nur zeitweise als Gotteshaus genutzten Friedenskirche. Während der Arbeiten in dem Gemäuer sei ihm und seinen Kollegen aufgefallen, dass der Betrachter darin vom Altarraum aus einen freien Blick nach Westen habe, berichtete der Architekt. In anderen Kirchen ist dieser durch die Orgel versperrt oder unmöglich, weil in ihre Westportale anders als in das der Friedenskirche keine Fenster eingelassen worden sind.

Rund 450 000 Euro haben die 2008 vorerst abgeschlossenen und mit Hilfe der Europäischen Union finanzierten Arbeiten nach Wittigs Worten gekostet. Vorerst deshalb weil es durchaus noch Ideen für weitere Veränderungen gibt. Dazu gehört unter anderem der Einbau mehrerer Toiletten in einen alten Heizungskeller unter dem Altarraum. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Anlass des Archittekturtages, zu dem in ganz Brandenburg 44 Objekte geöffnet waren, ist es, die Vielfalt architektonischer Möglichkeiten zu präsentieren. "Wir wollen zeigen, was Architektur leisten kann." Angesichts einfallsloser Bauten sei es beinahe verständlich, dass sich die Menschen dem Alten zuwenden, sagte Wittig. Umso wichtiger seien für seinen Berufsstand der Wettbewerb und ein hoher Qualitätsanspruch.

Den Auftrag Friedenskirche bezeichnete er als "singuläres Ereignis" für ein Architekturbüro. Und verwies darauf, dass die wohl nicht unumstrittenen Einbauten im Westportal in der Geschichte des Baus nicht die ersten Veränderungen waren: So ist das doppeltürmige Westwerk der damals schon alten Kirche von Schinkel-Schüler Friedrich Adler erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hinzugefügt worden.

Märkische Oderzeitung vom 29. Juni 2009

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