RELIGION: Der Engel ist komplett

Der 300 Jahre alte Altar der St. Jacobi-Kirche in Nauen wurde umfassend restauriert

NAUEN - Der zweite Engel oben links ist komplett. Dank der Restauratoren Annett Schulz und Thoralf Herschel hält er nun wieder eine Oblate zwischen den Fingern. Symbol für den Leib Christi und ein Detail, auf das Pfarrer Matthias Giering Wert gelegt hat. Denn damit ist die theologische Aussage des Altars der evangelischen St. Jacobi-Kirche in Nauen nun wieder vollständig.

Fast 300 Jahre nach Fertigstellung dieses Kunstwerks ist es nun wie neu. Ein Jahr lang haben Annett Schulz und Thoralf Herschel den vom Zahn der Zeit stark gezeichneten Altar vor dem weiteren Verfall gerettet vier Jahrzehnte nach der letzten umfassenden Restaurierung. Und es gab für sie in den zwölf Monaten viel zu tun. So kann man jetzt nur noch erahnen, wie schlimm es einst um die Abendmahlsszene stand. In die Risse, die sich durch die Köpfe zogen, wurden Späne eingeleimt. Anschließend kam Kreidegrund drauf, und mittels Muschelgold wurden die betreffenden Stellen unsichtbar. Ein Verfahren, das unter anderem auch die bis zu einem Zentimeter dicken Bruchstellen des Rokoko-Rahmens verschwinden ließ. In bestimmten Bereichen wurden zudem auf Wunsch der Kirchengemeinde und in Abstimmung mit der Denkmalpflege Ecken und Kanten ergänzt.

Des Weiteren haben die Restauratoren Farbschichten gereinigt und stabilisiert, das vorhandene Gold aufpoliert und mit gelöstem Kunstharz die von Holzwürmern befallenen Teile gefestigt. Vor allem die Skulpturen der Engel, deren Lindenholz für Anobien ein gefundenes Fressen ist, wurden so stabilisiert.

Doch wenn auch die Goldbeschichtung an vielen Stellen 300 Jahre alt ist, so hat die heutige Farbgestaltung des Altars nur wenig gemein mit der damaligen. "Früher war es farbiger", sagt Thoralf Herschel, der bei den Arbeiten unter anderem auf Reste von roten und blauen Marmorierungen gestoßen war. Und Kollegin Annett Schulz ergänzte: "1873 erhielt der Altar sein heutiges Aussehen und die jetzige Farbgebung."

Der damaligen Restaurierung ging aber eine lange Durststrecke voraus. Denn wie aus alten Unterlagen hervorgeht, die die Restauratoren im Archiv des Nauener Heimatvereins fanden, hat König Friedrich Wilhelm III. bereits 1823 den schlechten Zustand des Altars beklagt. Aber auch sonst erwies sich das Archiv als wahre Goldgrube. So findet sich dort auch der Vertrag von 1759 zwischen dem Bildhauer und dem Magistrat der Stadt Nauen zur Überarbeitung des Altars. Dabei entstand unter anderem der Rokoko-Rahmen.

Und auch in Sachen Oblate wurden die Restauratoren fündig. Ein Schriftstück von 1713 beweist, dass der Engel die Hostie in der Hand gehalten haben musste.

Nachdem der Altar soweit hergestellt ist, dass er die nächsten Jahrzehnte überdauert, wäre als nächstes die Kanzel an der Reihe. Probeweise wurden bereits Farbschichten entfernt und Malereien freigelegt. Ob und wann die gesamte Kanzel wieder ihrer früheres Aussehen erhält, steht aber noch nicht fest. "Wir haben noch kein Konzept für den Innenraum", sagt Pfarrer Giering. Zumal auch die finanzielle Lage nicht einfach ist. So gab es trotz mehrerer Anträge keine Fördermittel für die Altarrestaurierung. Alles muss aus eigener Kraft und mit Hilfe von Spenden bewältigt werden. (Von Andreas Kaatz)

Märkische Allgemeine vom 08. Juli 2009

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