BAUEN: Schönheitskur für Kirche

Von Oliver Fliesgen

Neulietzegöricke (MOZ) Im denkmalgeschützten Neulietzegöricke greifen Einwohner zu ungewöhnlichen Mitteln, um ihre 167 Jahre alte Dorfkirche zu sanieren. Bis September wollen zehn Bürger vor ihrer Kirche ausharren. Bei Wind und Wetter werden sie das Gebäude für interessierte Besucher offen halten, um ihnen Führungen anzubieten, sie mit historischen Geschichten zu unterhalten oder sie unaufdringlich um eine Spende für die Kirche zu bitten. Noch in diesem Jahr soll die Sanierung des Gotteshaus beginnen, doch der Kirchengemeinde fehlt noch Kapital.

Auf der Wiese zwischen Kirche und Gemeindehaus sitzt Peter Förster an einem mit Blumen geschmückten Holztisch und stopft seine Pfeife. Vor ihm liegt die Dorfchronik seines Wohnortes. Was fast wie ein Picknick im Grünen anmutet ist gelebte Leidenschaft des Diplomingenieurs und Hobby-Historikers. Denn Peter Förster sorgt sich um seine Dorfkirche. Deren Sanierung sollte eigentlich in diesem Jahr beginnen. Dafür müssen die Einwohner Neulietzegörickes 170 000 Euro aufbringen, aber bisher haben sie nur knapp ein Viertel des Betrags zusammen. "So geht es nicht weiter, habe ich zu meiner Frau am vorletzten Wochenende gesagt", berichtet Förster. "Wir müssen die Kirche täglich öffnen und personell besetzen. Wir haben uns dann mit verschiedene Leuten aus Neulietzegöricke zusammengesetzt und diese Stallwache ins Leben gerufen."

In täglich zwei Schichten von 10 bis 17 Uhr sitzen insgesamt zehn Einwohner des Ortes vor der Kirche und warten darauf, dass Durchreisende Halt machen. "Heute war ein Ehepaar aus Bad Doberan auf spontaner Oderlandtour hier", erzählt Förster. "Sie haben unsere Initiative begrüßt. Ich gebe den Menschen Informationen, biete ihnen einen Kaffee oder ein Glas Saft an und habe mit ihnen ein nettes Gespräch. Sie erfahren etwas und nehmen das mit nach Hause." Was Peter Förster den Besuchern zu erzählen vermag, entspricht inhaltlich einem Geschichtslexikon, weil er sich seit langen Jahren mit der Historie des Ortes auseinandersetzt.

Zu Peter Förster gesellt sich seine Frau Maria. Sie übernimmt die Nachmittagsschicht und bringt einen Korb mit Äpfeln, Mineralwasser und Saft. "Wir brauchen noch jede Menge Hilfe: Spenden wie Spielzeug, Bücher, oder Stoffreste, aber auch Näherinnen sind herzlich willkommen", sagt sie.

Die Frauen des Ortes nähen seit geraumer Weile Säckchen, die mit Bausand gefüllt werden und als praktische Türstopper schon bei Konzerten und Dorffesten verkauft worden sind. Außerdem kann dazu ein Keramik-Anhänger erworben werden, der von der Keramikkünstlerin Heidi Köhler kreiert wurde.

Als Peter Förster den Berliner Gerd Seffart, der spontan seine Durchreise unterbrochen hat, in die Kirche führt, werden diese Säckchen auf einem Tisch im Vorraum der Kirche feil geboten. Daneben stehen Kinderbücher, damit Familien auch einen Anreiz haben, die Kirche zu betreten, so Förster.

Gerd Seffart ist begeistert von der Aktion der offenen Kirche. "Ich bin überrascht, dass ich diese Kirche das erste Mal betreten kann. Von außen sieht man den Verfall, aber innen ist sie erstaunlich schön." Den Touristen fehle genau ein solcher Anziehungspunkt, so Seffart. Das Oderbruch sei sehr beliebt bei den Berlinern, aber man müsse etwas mehr machen.

Auch der Pfarrer der Gemeinde Neulewin Hans-Peter Nitsch staunt über die Aktivitäten der Gemeindemitglieder. Nitsch ist erst seit einem Jahr in Neulietzegöricke im Dienst. In Potsdam, wo er vorher Pfarrer war, seien die Menschen anders. "Das ist hier ein dünnbesiedeltes Gebiet. Wenn hier etwas stattfinden soll, müssen die Leute das selber machen", so Pfarrer Nitsch. "Hier kommt alles von unten. Ich freue mich über jede Initiative. Neulietzegöricke ist ein Stück Paradies und das gestalten sich die Bürger selbst."

Peter Förster ist derweil in seinem Element, erzählt dem Besuch aus Berlin von der Trockenlegung des Oderbruchs durch Friedrich den Großen und den ersten Kolonisten des Dorfes. Seine Augen leuchten, als er auf die Orgel der Firma Dinse zeigt, die seit 1845 in der Kirche steht. Obwohl das Instrument derzeit verwaist ist, erklingt Orgelmusik. "Die kommt vom CD-Player und soll eine heimelige Atmosphäre schaffen", erklärt Förster, der heute wohl eine Doppelschicht fährt.

Märkische Oderzeitung vom 11. August 2009

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