Mauern, die Geschichte atmen

Von Bärbel Kloppstech

Schönfließ (MOZ) Im Frühjahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um Küstrin und die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden allein in der Seelower Region 28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt Oderland Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten schufen, um Gottesdienste feiern zu können. Heute: Schönfließ

 

Majestätisch erheben sich die roten Mauern, die auf einem Feldsteinsockel ruhen, auf dem kleinen Friedhof mit den schneebedeckten Familiengräbern. Auch ohne Turm und ohne Dach wirkt das Gotteshaus wie ein ruhendes Denkmal im winterlichen Dorf.

Es sind Mauern, die Geschichte atmen. Die von Taufen, Einsegnungen, Trauungen und Beisetzungen seit 122 Jahren erzählen - und auch von Kriegen. Wie die Kreuze von den Soldatengräbern neben der Kirchenruine oder die kleine Ersatzglocke im eisernen Schauer mit einem schützenden Dach darüber. Glocken und Dach hat die Kirche nicht mehr.

Ende Februar 1945 wurde ihr Westturm von den deutschen Truppen gesprengt. Dabei wurde auch das Schiff selbst beschädigt. Die harten Kämpfe und der schwere Beschuss zwischen dem 17. und 19. April 1945 taten ein übriges. Der einstige Stolz der Schönfließer Bauern stand in Schutt und Asche. Der einschiffige neoromanische Backsteinbau aus dem Jahr 1878 mit der eingezogenen Fünf-Achtel-Apsis und querschiffartigen Seitenbauten war nur noch eine Ruine.

Doch die Christen im Dorf wollten wieder einen Platz für ihre Gebete. Und so wurde auf der linken Seite ein Raum gebaut - eine Notkirche für die Schönfließer. Am 13. Mai 1956 läutete die neue, kleine Glocke im eisernen Glockenstuhl zum ersten Mal, und am 30. September 1956 rief sie zum ersten Gottesdienst in der Notkirche. So ist es im Protokollbuch des Gemeindekirchenrates festgehalten. Hildegard Rudolph, viele Jahre Kirchenälteste, hat das kleine Archiv über diese Jahre bis in die Gegenwart zusammengetragen. Der Gemeinderaum zeigt sich heute mit schlichtem Holzkreuz an der Wand, Holzaltar und Pultkanzel. Auf dem Steinfußboden stehen gepolsterte schwarze Stühle in Reih und Glied.

Es gibt einen nördlichen Ausgang zum Friedhof und einen Eingang im Schiff. Als der Innenraum von Schutt und Erde beräumt wurde, konnte man auch hier wieder atmen. "Heute findet nur noch einmal im Jahr, im September, Gottesdienst in unserem Gemeinderaum statt. Danach trinken wir alle gemeinsam Kaffee in den Mauern unserer Kirche", erzählt Heinz Golze. "In diesem Raum bin ich mit meiner Frau getraut worden - am 22. Oktober 1966. Ein schöner Tag. Wir sind vom Haus der Schwiegereltern bis hierher zur Kirche gelaufen", erinnert sich der "eingeheiratete Schönfließer". Eingesegnet sei er als Flüchtlingskind in der kleinen Holzkapelle in Hohenjesar.

Das Mitglied des Gemeindekirchenrates engagiert sich heute als Rentner für den Erhalt der Kirche, streicht die Holztür zum Eingang in die Ruine oder hat mitgeholfen, die einsturzgefährdete Friedhofsmauer mit einem Schutzzaun zu umgeben. "Wenn die Ortsdurchfahrt gebaut ist, wird auch die Mauer befestigt", noch in diesem Jahr hofft der Schönfließer.

Von 1990 bis 1993 war Heinz Golze Bürgermeister in Schönfließ. Kraft seines Amtes hat er sich da auch um die Kirche gekümmert. Mit Hilfe und Unterstützung des Christlichen Jugenddorfes Seelow wurde der Kirchenraum beräumt, der Schutt außerhalb der Mauern abgefahren. "150 Kipperladungen", wie Heinz Golze sagt.

Um die Ruine vor weiterem Verfall zu schützen, sei die Krone des zerstörten Mauerwerks fast einen dreiviertel Meter abgetragen und wieder neu aufgemauert worden, berichtet Pfarrer Martin Müller. Das war während der Instandhaltungsarbeiten 2002 und 2003. Auch die Einschüsse an der Fassade wurden durch neue Steine ersetzt, die gesamte Außenhaut neu verfugt. An den Fensterhöhlen und Faschen wurden die Schäden ausgebessert, im gesamten Innenraum die Wände verputzt. Über 100 000 Euro hat die Kirchengemeinde in den Erhalt der Kirchenruine gesteckt, unterstützt durch Fördermittel aus dem Landesprogramm Dach und Fach. Auch der in der Nachkriegszeit entstandene Notkirchenbau wurde als Gemeinderaum instand gesetzt. Er wirbt nun mit schlichter Schönheit für sich, eingebettet in die Stille der majestätischen Ruine.

Märkische Oderzeitung vom 19. Februar 2010

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