Krönung mit neuem Glockenklang

DENKMALPFLEGE: Älteste Dorfkirche Brandenburgs vor dem Verfall gerettet

LÜBNITZ - Als die Nicolausglocke für die Kirche in Lübnitz am Sonnabend auf dem Markt in Bad Belzig eintrifft, füllen sich die Augen von Rudolf Buliz mit Tränen. Seit Jahren wacht er über das inzwischen sanierte Gotteshaus und musste zuvor dessen stetigen Verfall miterleben. "Nicht einmal im Traum habe ich damit gerechnet, dass wir jemals eine so schöne Glocke bekommen", sagt der Lübnitzer.

Vier Pferde ziehen die Kutsche mit ihrer wertvollen Fracht. Mit den Familien Bonte-Friedheim und von Lochow begrüßen zahlreiche Menschen die Glocke und halten einen Moment inne. Als das gemeinsame Geläut von St. Marien, St. Briccius und der Katholischen Kirche er- klingt, entrückt die Hektik des Alltags. Die Andacht und den Reisesegen für die am 24. Juni auf der Bad Belziger Burg durch Wanderglockengießer Peter Glasbrenner gegossene Glocke hält Pfarrer Claas Henningsen. In einem von Zimmermann Timo Brenner aus Bad Belzig gefertigten eichenen Glockenstuhl begrüßt die Nicolausglocke am Nachmittag ihrerseits dann die Gäste des Festgottesdienstes in Lübnitz. Rudolf Buliz, der kein Auge von ihr lassen kann, sagt: "Die Glocke ist jetzt die Krone." Erleichtert nimmt er im Kreis seiner Familie in der Kirche Platz, die in den vergangenen vier Jahren neu erstand. Mit der Ankunft der Glocke wurden der Abschluss der Restaurierungsarbeiten und die Einweihung als Nicolauskirche gefeiert. Schließlich hatten alle an deren Rettung Beteiligten nach dem Leitspruch des Heiligen St. Nicolaus gehandelt: "Helfen Teilen Freude machen"

2007 war es um das einschiffige Gotteshauses noch sehr schlecht bestellt. Der Turm drohte einzustürzen. Der Gedanke, dass die Kirche sogar aufgegeben werden sollte, ist noch in furchtbarer Erinnerung. Ein Hilferuf an Christian Bonte-Friedheim, der seine Jugendzeit im Lübnitzer Herrenhaus bei den von Lochows verbrachte, sollte zur Rettung führen. Der Freundeskreis der Lübnitzer Dorfkirche fand zusammen, führte Gespräche und Verhandlungen, sensibilisierte und ließ Taten folgen.

Die Kirche der Ahnen aufzugeben, die von 1602 bis 1945 Patronatskirche derer von Lochow war, kam für Bonte-Friedheim nicht in Frage. 180 000 Euro sollte die Sanierung ursprünglich kosten. Am Ende waren es 380 000 Euro. "Wenn wir das geahnt hätten . . .", sagt der Agrarexperte am Sonnabend. Mit der Restaurierung offenbarte die Kirche viele Geheimnisse, wie Malereien aus dem 16. Jahrhundert und die Grüfte derer von Lochow. Letztendlich kamen Denkmalpfleger und Restauratoren zur Erkenntnis, dass das Gotteshaus mit seinen 800 Jahren das älteste in Brandenburg sei. Dank der aufwendigen Sanierungsarbeiten kann sie "jetzt noch einmal so alt werden", sagt Bonte-Friedheim erleichtert und "ermüdet".

Als die Glocke beim Festgottesdienst erstmals erklingt, werden die Türen der Kirche weit geöffnet. Siegfried Schulze wird diesen Tag wohl nie vergessen. Fünf Minuten vor Beginn erfährt er, dass er die Glocke erstmals läuten darf. Als die Hände den dicken Läutestrick umfassen, klopft sein Herz bis zum Hals. Der Applaus aus der Kirche, als Begrüßung des Glockenklanges, füllt auch die Augen Kunz Heinrich von Lochows mit Tränen. Trotz aller Freude ist sein Herz von Wehmut erfüllt: Die Erinnerungen an die Kindheit in Lübnitz und deren jähes Ende im Frühjahr 1945 schmerzt noch heute. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Wolf von Lochow sowie Christian Bonte-Friedheim enthüllt er im Anschluss einen Gedenkstein den Opfern von Krieg und Vertreibung zu Ehren. (Von Bärbel Kraemer)

Märkische Allgemeine vom 26. September 2011

   Zur Artikelübersicht