Fast wie ein achtes Weltwunder

Die schwere Holzdecke der Kirche Glienick war kurz davor, ins Kirchenschiff zu stürzen

GLIENICK - Das große, sanierte Dach und frische Farbe an Fassade und Fensterlaibungen ziehen Blicke auf die Glienicker Kirche am weitläufigen Dorfanger. "Die Menschen mögen ihre Kirche in der Dorfmitte und auch, wenn sie gut in Schuss ist. Es zeigt, dass man sich was leisten kann", ist eine Erfahrung von Pfarrer Stephan Michalsky.

Vor zehn Jahren hat er hier seinen Dienst angetreten. Seine erste Tat war die Installation der "Mutti-Vati-Kind-Kirche". Die damaligen Kinder sind inzwischen seine Konfirmanden und von denen betreut er jährlich eine Hand voll. Mit 300 Christen liegt der Anteil der Mitglieder in der Kommune bei 25 Prozent beachtlich.

Hier kann Stephan Michalsky auf ein starkes ehrenamtliches Rückgrat zählen. Die Sanierungsarbeiten am Gotteshaus in den letzten fünf Jahren wären ohne die ambitionierte Gemeinschaft nicht möglich gewesen. Die Kirche aus dem 13. Jahrhundert ist eine, die vom Kirchenkreis kaum Unterstützung erwarten kann. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es den letzten großen Umbau. So stemmten die Glienicker Christen die Sanierung innen und außen in zwei Etappen von 2007 bis 2009 und ab 2010 allein und erlebten manche Überraschung zwischen Dach und Fundament.

Wer die Tür der bis 1761 als mittelalterlicher Feldsteinbau erhaltenen, danach in barocker Manier umgebauten und verputzten Kirche öffnet, wird erstaunt sein. Großzügig, farbig, mit viel Holz und Zier und einem hohen hellen Tonnengewölbe präsentiert sich das einschiffige Haus. Das Auge weiß kaum, wo es zuerst ruhen soll. Die vorherrschenden Farben sind grau und blau. Holzgestühl, hölzerne Säulen, die breite Emporen tragen, deren Kassetten bemalt sind, als wären sie aus Marmor: Eine preiswerte Mogelei, die auch der König in Sanssouci praktizierte und die sich nicht nur an der Orgel wiederfindet. Stilisierte Ranken unterhalb der Decke laufen als Band um den Innenraum, in dunklerem Grauton mit einigen gelblichen Ornamenten gehalten.

Wenn Pfarrer Michalsky den Kopf zur Decke hebt, denkt er vielleicht daran, dass die alten tragenden Dachbalken teilweise "wie Blumenerde in Eimern" aus dem Bau geschleppt wurden. Jemand von der Denkmalpflege nannte es das achte Weltwunder und dass Gott selbst die schwere Holzdecke gehalten haben müsste, weil die eigentlich längst ins Schiff hätte krachen müssen.

Frisches Holz ergänzt nun die Balken. Die freiliegenden sind in der Mitte mit Symbolen verziert, deren Herkunft und Bedeutung sich auch den Glienickern entzieht. Über dem prächtigen hölzernen Kanzelaltar, der durch seine Malerei wiederum Stein vortäuscht, liest man einen Glaubens-spruch an der Decke.

Die zwei hölzernen Abteile in den Ecken des Altarraums boten dem Pfarrer zu Zeiten des Barocks Sichtschutz vor dem Kirchenvolk außerhalb liturgischer Handlungen. Davor steht eine restaurierte Holztaufe aus etwa der gleichen Zeit. Gegenüber ragen die Prospektpfeifen einer pneumatischen Orgel, gebaut Anfang des 20. Jahrhunderts, über das Geländer der Empore.

Im Turmzimmer des angebauten Glockenturms wird im September zum Kreiserntefest eine Ausstellung seltener Totenkronen-Bretter zu sehen sein. Einer der Kirchenältesten bereitet sie zurzeit vor. Der Pfarrer weiß, dass die Kirchenältesten vieles allein und verlässlich für die Gemeinde in die Hand nehmen, ob Treffen mit den Schweizer Paten, Weihnachtsspiel oder Friedhofsangelegenheiten. Sie sind vor Ort, während Michalsky in Christinendorf wohnt und acht Dörfer mit fünf Kirchen zu betreuen hat. (Von Andrea von Fournier)

Märkische Allgemeine vom 15. März 2012

   Zur Artikelübersicht