An der Wurmfront

In der nächsten Woche packen Schädlingsbekämpfer die Rägeliner Kirche ein und begasen sie

RÄGELIN - Die letzte Messe ist gesungen. Den Holzwürmern, die sich durch das Mobiliar der Rägeliner Kirche nagen, wird in der nächsten Woche der Garaus gemacht. Am Montag beginnen Spezialisten damit, das Kirchlein luftdicht in Folie zu verpacken. Spätestens am Mittwoch soll das Gas strömen. Es tötet den Holzwurm in all seinen Lebensstadien ab – Käfer, Larve und Puppe. Die Rägeliner hoffen, so den Kreislauf zu durchbrechen, der ihnen mehr und mehr Sorgen bereitet. Schon seit Jahren kämpfen sie an der Wurmfront. So waren sie dem Schädling, der eigentlich Gemeiner Nagekäfer heißt, mit einer Tinktur zu Leibe gerückt – vergebens. Der Befall breitete sich sogar aus.

Joachim Pritzkow ist schon ziemlich aufgeregt. "Für mich ist es auch das erste Mal", sagt der Vorsitzende des Gesamtgemeindekirchenrates Temnitz. Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass eine seiner Kirchen eingewickelt und verklebt wird. Frank Arnim Pein hingegen will von Lampenfieber nichts wissen. "Da ist man zu alt dazu, wenn man die Mitte der 50er erreicht hat", sagt der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Temnitzquell. Seine Energie verschwendet er lieber für die Vorarbeiten. Zum Beispiel sind noch alle Teppiche, Polsterstühle und Sitzkissen aus der Kirche zu schleppen.

Aber es wird auch eingeräumt. Wer will, kann nämlich seine vom Holzwurm befallenen Möbel in die Kirche stellen. Sieben, acht Interessenten haben sich schon angemeldet, sagt Frank Arnim Pein. Darunter ist eine Restauratorin, die die Wurmkur einem Taufengel verabreichen will; die Dabergotzer wollen ihr Kruzifix vorbeibringen. "Vom Stuhl bis zum Schrank ist alles möglich", sagt der Kirchenälteste. Am Sonnabend nimmt er von 9 bis 12 Uhr wurmstichiges Mobiliar entgegen.

Das Angebot soll ein wenig Geld in den Klingelbeutel bringen, denn die Kirchengemeinde muss 13 000 Euro für die Schädlingsbekämpfung berappen. "Das ist schon gewaltig und da sammeln wir natürlich Spenden", sagt Frank Arnim Pein. "Aber wir reißen keinem den Kopf ab." Stühle werden für 5 Euro das Stück bedampft, Schränke schmoren für rund 20 Euro.

Auch Frank Arnim Pein räumt daheim aus. Den Esstisch und das Büfett rückt er auf jeden Fall in die Kirche. Die alte Standuhr will er noch auf ungebetene Untermieter absuchen. Er hat die Möbel von den Großeltern geerbt und will sie retten.

Nach rund einer Woche können der Kirchenälteste und alle anderen ihre Lieblingsstücke abholen. Und das sollen sie auch – die Rägeliner wollen ihr Kirchlein schließlich so schnell wie möglich wieder in Dienst nehmen. Da macht sich ein Lager herrenloser Möbel schlecht. Für alle Fälle wird in den nächsten drei Wochen aber kein Gottesdienst hinter der Fachwerkfassade gefeiert.

Möbel für die Wurmkur sind am Sonnabend von 9 bis 12 Uhr an der Kirche abzugeben. Mehr Infos gibt’s bei Frank Arnim Pein: 0171/3 32 64 13. (Von Nadine Fabian)

Märkische Allgemeine vom 12. April 2012

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