Gas im Gotteshaus

Fehrbellin / Temnitz (MZV) Rägelin (jvo) – Ein bisschen erinnert die Rägeliner Kirche derzeit an den Berliner Reichstag. Nein, nicht wegen der Größe und des imposanten Baustils. Im Gegenteil: Die weiße Folie, die das Gotteshaus bedeckt und in ein luftdicht verschnürtes Päckchen verwandelt, lässt solche Gedanken zu.

 
Sebastian Sternberg ist der Profi vor Ort.
© Melzer-Voigt;

Doch während es sich bei der Verhüllung des Reichstages um eine Kunstaktion handelte, wird in Rägelin einem Schädling zu Leibe gerückt. Der Holzwurm hat nicht nur den Altar und Teile der Inneneinrichtung befallen. Er hat auch die Hollenbach-Orgel angenagt. "Teilweise sieht es da drin aus wie ein Schweizer Käse", sagte Joachim Pritzkow, der Vorsitzende des Gesamtgemeindekirchenrates Temnitz.

Um dem Schädling Einhalt zu bieten, musste die Kirchenleitung handeln. Die Spezialfirma Groli GmbH aus Dresden wurde beauftragt, die den Wurm mit Gas bekämpfen soll. Mitarbeiter Sebastian Sternberg ist seit Montagmittag vor Ort. Er musste erst einmal das Gotteshaus absolut luftdicht mit einer dicken, weißen Silo-Folie verpacken. Dabei galt es, wirklich jede Ritze abzukleben. Auf dem Dach wurde die Folie mit Gewichten beschwert. Am Boden haben Sternberg und ein Kollege Sand angehäuft, sodass auch wirklich kein Luftzug an die Kirche kann. Bis abends um 20.30 Uhr dauerten die Vorbereitungen. "Durch den Wind wurde das alles ein bisschen erschwert", so Sternberg.

Doch bevor gestern die Begasung starten konnte, mussten die Mitarbeiter der Groli GmbH noch einen Kontrollgang machen. Sternberg und sein Kollege haben nachgeschaut, ob sich auch wirklich keine Katze im Gebäude versteckt hat und ob alle Pflanzen vorher ’rausgeholt wurden. "Denn alles, was das drin ist, stirbt", so der Schädlingsbekämpfer. Und ein zweiter Schritt durfte nicht vergessen werden: Die Prüfkörper – zwei Holzschalen gefüllt mit Holzwürmern in verschiedenen Entwicklungsstadien – wurden in die Kirche gestellt. Damit wird später kontrolliert, ob die Aktion auch Erfolg hatte.

Nachdem all das bedacht wurde, war es gestern endlich soweit: Sternberg konnte damit beginnen, Gas ins Gotteshaus zu leiten. Mit einem Schlauch wurde das Sulfuryldifluorid vom unverhüllten Turm in das Schiff des Gotteshauses übertragen. Ein Ventilator sorgte dafür, dass sich alles gut verteilt. Gestern Mittag war die Rägeliner Kirche dann schon gut mit Gas gefüllt und Sternberg musste in regelmäßigen Abständen kontrollieren, dass die Konzentration auch unverändert bleibt. Nur so sei eine effektive Bekämpfung des Holzwurms möglich.

72 Stunden bleibt die Kirche nun verpackt. Am Freitag wird der Kollege von Sebastian Sternberg wieder vor Ort sein, denn dann wird die Folie entfernt und das Gas abgeleitet. Vorher bahnt sich Sternberg aber mit Atemschutzgerät einen Weg ins Gebäude und öffnet alle Fenster. Erst dann wird die Folie zerschnitten. "Die Kirche muss dann zwei bis drei Stunden durchlüften", so der Profi. Je stärker der Wind pustet, desto schneller ist die Prozedur beendet. Vor dem entweichenden Gas muss sich laut Sternberg niemand fürchten, denn davon geht keine Gefahr für die Anwohner aus. "Wir werden auch während der ganzen Zeit hier stehen", meinte der Dresdener. Er geht dann gemeinsam mit Joachim Pritzkow noch einmal durchs Gotteshaus. "Und am Sonnabend kann die Kirche schon wieder genutzt werden." Ganz so schnell soll es laut Pritzkow aber dann doch nicht gehen: "Der nächste offizielle Gopttesdienst wird am Pfingstsonntag sein."

Geht alles gut, hat das Knabbern an Altar und Orgel endlich ein Ende. Und auch einige Privatpersonen könnten davon profitieren, denn sie hatten die Möglichkeit, ihre Holzmöbel, die vom Wurm befallen sind, gegen eine kleine Spende während der Begasung in Rägelin in der Kirche abzustellen. Viel ist laut Pritzkow nicht zusammengekommen, aber die Gemeinde braucht jeden Cent. Schließlich wurden für den Einsatz der Spezialfirma Kosten von rund 15000 Euro angesetzt.

Während die weiß eingehüllte Kirche für die Anwohner ein echter Hingucker ist, ist dieser Anblick für den Dredner Sebastian Sternberg mittlerweile schon Routine. Er reist in der kommenden Woche nach Bayern, wo wieder ein Gotteshaus, das vom Holzwurm befallen ist, auf ihn wartet. Dieses Gebaude hat es dann auch wirklich in sich: Während in Rägelin 500Kubikmeter von der Firma behandelt werden, sind es dort 5000.

Märkische Oderzeitung vom 17. April 2012

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