"Die Orgel bleibt"

Die Kaltenborner Kirche wird peu à peu aus Spenden von Konzerten saniert / Nächster Termin ist am 19. Mai

KALTENBORN - Hübsch sieht die kleine Kirche von außen aus. Innen vermitteln die roten Teppiche ein wenig Wohnzimmeratmosphäre. Auch dort ist zu sehen, dass im Kaltenborner Gotteshaus einiges saniert worden ist.

Vera Kretschmann hat noch immer einen Kirchenschlüssel; seit neue nachgemacht wurden, klagt sie: "Ich bekomme die Tür kaum noch auf." Lange hat sie im Gotteshaus in Kaltenborn sauber gemacht. Aber sie hat nicht nur im Hintergrund gewirkt. "Ich hab unsere Orgel verteidigt und gesagt, die Orgel bleibt", berichtet sie stolz.

Ohne die gäbe es die Konzerte nicht. Das nächste steht am 19. Mai auf dem Programm, wenn Peter-Michael Seifried zum Stummfilm "Nosferatu eine Symphonie des Grauens" auf der Turley-Orgel spielt. Ganz sicher wird sein Konzert nicht nur wegen des spannenden Filmklassikers von Friedrich-Wilhelm Murnau besucht, sondern auch wegen Seifried. Der Kantor der ältesten Dorfkirche in Berlin-Marienfelde zieht die Besucher ebenso in seinen Bann dies in Kloster Zinna seit 1992. Zur Einstimmung gibt es in Kaltenborn vor dem Gotteshaus ab 19 Uhr Gegrilltes und geistige Getränke. Diesmal werden Spenden zur Restaurierung des Altarbildes gesammelt; der Eintritt ist frei. Damit aber doch möglichst viele spenden, steht auf der einen Seite das Kirchenmodell als Sparbüchse und auf der anderen Seite Ortsvorsteher Christian Laiblin. "Damit jeder die Gelegenheit zum Spenden hat", sagt er lachend.

Er ist zwar Neu-Kaltenborner, hat aber auch davon gehört, dass die Orgel verkauft werden sollte. "Wilhelm Schmidt hat sie verteidigt", sagt er. "Das stimmt. Er hat mich später unterstützt", so Vera Kretschmann. Sie berichtet, dass der Pfarrer sie gerade erst in Gang gebracht habe. "Dann ist er nach Caputh gegangen, keiner hat sie mehr gespielt, sie ging wieder kaputt. Pfarrer Lohmann wollte sie dann Anfang der 90er Jahre verkaufen. So wie das in den anderen Dörfern passiert ist. Das hab ich nicht zugelassen. Ich hab auch einen Zeugen in Gölsdorf", erzählt die älteste Ureinwohnerin, die demnächst 82 wird. "Es gibt nur noch Zugezogene, die älter sind als ich", sagt sie und erinnert sich daran, dass sie sich schon als Kind für die Kirche interessiert hat. Schon damals stand fest, "dass ich da helfe", nun sei sie zu alt. Der Ortsvorsteher kümmere sich, sagt sie.

Der zeigt auf das weiße Ziegenleder am Blasebalg und erzählt noch einmal, wie viel Freizeit Rainer Nass und Paul Schmidt für den Nachbau geopfert haben (die MAZ berichtete). Jetzt soll das Altarbild an die Reihe und in Restauratorenhände kommen. Dass mit Spenden schon viel bewegt wurde, liegt auch an Laiblins Kontakt zu einem Hornbläser-Ensemble in Berlin, vier davon spielen in der Philharmonie. Auch sie haben in Kaltenborn schon Fans, besonders eine Polizistin. "Wann kommen die Hörner wieder", wird Laiblin öfter gefragt. Darauf hat er eine klare Antwort: Am 29. September.

Fast noch größerer Beliebtheit erfreut sich der Samstag vor dem ersten Advent. "Da ist immer ein nettes Konzert mit Geschichten und Glühwein danach. Schon im Januar haben die Malterhausener Frauen gefragt, ob das Konzert 2012 wieder stattfindet. Dann würden sie ihren Ausflug bis dahin vertagen. Ich hab das sofort mit Seifried geregelt. Es findet auch 2012 wieder statt", so der Ortsvorsteher, der sich freut, dass der Berliner Musiker die kleine Turley-Orgel von 1824 so liebt. Seine Frau Claudia Laudahn lernt gerade das Orgelspiel und ist froh, dass sie nicht in Kaltenborn üben muss. Die Geschichte des Instruments und die seines Erbauers hängt im Kirchenschiff gemeinsam mit dem Dank an alle Sponsoren, die die Restaurierung des Instruments 2006 ermöglicht haben. Dort ist auch nachzulesen, dass ein Zeitungsausschnitt von 1824 die genaue Datierung ermöglichte. Der steckte in der Windlade, war zum Abdichten verwendet und ist bei der Sanierung entdeckt worden.

Bereits am 3. August will Peter-Michael Seifried mit einer Organistin kommen, die ebenfalls ein Konzert mit Geschichten gibt. Damit die Gäste bequem sitzen können, stehen die Polsterstühle "von der Frauenhilfe" im Schiff, so Vera Kretschmann, die mit ihrer Schwägerin links neben der Tür auf der Bank sitzt.

Den Feierabend läutet meist der Ortsvorsteher ein. Auch er musste erst üben, bevor er das richtige Gefühl hatte, wie es um 18 Uhr klingen soll. Seit dem Ersten Weltkrieg hat die Kirche nur noch eine Glocke. "Die zu läuten, ist nicht so einfach", sagt Christian Laiblin, der durch eine Gartentür mit dem Gotteshaus verbunden ist. Gern wüsste er auch, was auf dem Epitaph außen neben der Kirchentür steht. Doch die Schrift ist so verwittert, dass nichts zu entziffern ist. Vielleicht hat jemand noch ein altes scharfes Foto, das Auskunft gibt. (Von Gertraud Behrendt)

Märkische Allgemeine vom 10. Mai 2012

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