Alles spielt nach ihren Pfeifen

Woltersdorfer Kirchenorgel ist rekonstruiert und wird am Sonnabend feierlich eingeweiht

WOLTERSDORF - "Die Klangzusammenstellung ist für eine Dorforgel dieser Größe reichhaltig", sagt Jörg Stegmüller. Jahrzehnte lang war die Woltersdorfer Orgel stumm. Ab Samstag spielt sie wieder, löst das Ersatz-Harmonium ab.

Das 1872 von August Ferdinand Wäldner in Halle gebaute Instrument ist in der Wilhelmshorster Werkstatt von Orgelbaumeister Stegmüller gereinigt und restauriert worden. Dabei profitierte er von seinen für die Weseramer Orgel geleisteten Vorarbeiten, die seit 2008 wieder bespielbar ist. Es handelt sich um ein baugleiches Wäldner-Instrument, allerdings hat die Woltersdorfer neun Register mit insgesamt 586 Pfeifen und damit ein Register mehr. Der neugotische Prospekt mit Maßwerk und Zierrat ist aufwendiger gestaltet.

"Der optische Zustand des Innenlebens war aber nicht so schlimm wie in Weseram", erklärt Stegmüller. Es fehlten etliche Metall- und Holzpfeifen, in letzteren war der Holzwurm drin. Vollständig rekonstruiert wurden die beiden Register, die vermutlich im 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts verlorengegangen und durch Pfeifen in romantischen Klangfarben dem damaligen Zeitgeschmack angepasst worden waren. Beide Felder wurden komplett mit Pfeifen in hochwertiger Zinnlegierung ersetzt. Metallkondukten, also die Verbindung zwischen Prospektpfeifen und Windlade, waren gebrochen. Die Klaviatur war stark ausgespielt. "Die Arbeit an der Woltersdorfer Orgel hat Spaß gemacht", sagt der Orgelbaumeister mit kriminalistischem Spürsinn, der am Samstag zwischen Festgottesdienst und dem von Kreiskantor Fred Litwinski gestalteten Konzert einen Lichtbildervortrag halten und Hörbeispiele geben wird.

"Es ist schon etwas Besonderes, wenn eine Orgel nach so langer Zeit wieder spielt", sagt Pfarrer Christian Bochwitz. Die Restaurierung hat 25 000 Euro gekostet, wozu Kirchengemeinde, Privatspender, Förderverein, Mittelbrandenburgische Sparkasse und die Union evangelischer Kirchen beigetragen haben. Die Orgel bildet das i-Tüpfelchen der unter seiner Vorgängerin Christiane Beutel erfolgten Kirchensanierung. Wenn wieder ausreichend Geld beisammen ist, sollen auch die drei restlichen Prospektfelder, die zwischen beiden Kriegen mit Zinkpfeifen bestückt wurden, durch Zinn ersetzt und die noch fehlende Klangkrone (Mixtur) rekonstruiert werden. Perspektivisch ist laut Bochwitz an den Ersatz des verschwundenen Kronleuchters gedacht. "Schön, dass die Orgel wieder erklingt", sagen Kirchenälteste Angelika Nehmer und ihre 82-jährige Mutter Marianne Klunter, die sich nun mehr Konzerte wünschen. Nach dem Krieg sei die Orgel noch gespielt worden. Das letzte Mal 1969 zur Beerdigung ihres verunglückten Sohnes Karl-Heinz. Dann war die Woltersdorfer Kirche baupolizeilich gesperrt und dem Vandalismus preisgegeben, bis Bürger und Pfarrer Helbig sie vor dem Verfall retteten.

Der Festgottesdienst beginnt am Sonnabend um 14.30 Uhr. (Von Claudia Nack)

Märkische Allgemeine vom 10. Mai 2012

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