"Das schmeckt keinem Holzwurm"

Restauratoren rücken an der Niebendorfer Kirchenempore dem Schädling auf den Pelz

NIEBENDORF - Engel haben’s auch nicht leicht: Nur unter Verrenkungen war es möglich, per Handy mit den Berliner Restauratoren Dörte Busch und Dirk Jacob in Kontakt zu treten. Versteckt hinter dem dicken Mauerwerk des Niebendorfer Gotteshauses, konnte die beiden kein störendes Handygeklingel erreichen. Wie Engel unter solchen Umständen in früheren Zeiten in Kontakt zu ihren Mitmenschen getreten sind, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Unzufrieden über solcherart himmlischen Frieden waren die beiden freiberuflichen Diplomrestauratoren dennoch nicht. Denn auch nach der erfolgreich beendeten Restaurierung des Taufengels und des Altars bleibt in dem mittelalterlichen Bauwerk noch viel zu tun. Dass ihre Arbeit dabei größtenteils olympische Züge trägt, liegt in der Natur der Sache. "Wer ist schneller: Holzwurm oder Restaurator?", lautet dabei die immer gleiche Startposition. Dass meistens der Holzwurm gewinnt, nehmen Restauratoren eher sportlich – und gehen mit Kunstharztinktur, Pipette, Injektionsnadel, Pinsel und Farbe ans Werk.

Im Fall der Niebendorfer Empore hat der Holzwurm mal wieder ganze Arbeit geleistet. Dort, wo sich einst zahlreiche geschnitzte Weinlaubblätter um hölzerne, verdreht gedrechselte Säulen rankten, herrscht zumeist gähnende Leere. Nur die kleinen Löcher zwischen den wurmzerfressenen Säulen künden von der einstigen Pracht. "Drei Viertel der 17 Säulen sind zerstört oder zumindest stark geschädigt", sag Dirk Jacob, der natürlich weiß, dass der Verursacher kein Wurm, sondern ein Käfer ist. "Anobien-Befall", nennt das der Fachmann, dem Käfer selbst ist der Streit um seinen Namen vermutlich schnuppe.

Die Schädigung hat nicht nur fatale Auswirkungen auf die Optik, sondern auch auf die Statik, wie Jacob erläutert. Zwei völlig zerstörte Säulen werden nun in einer Dresdener Spezialfirma komplett neu erstellt – die übrigen haben die Restauratoren teilweise ausgebaut und in ihre Werkstatt in den Berliner Prenzlberg abtransportiert, teilweise gleich vor Ort mit flüssigem Kunstharz getränkt. "Das schmeckt keinem Holzwurm mehr", sagt Dirk Jacob.

Auch der farblichen Urfassung der Empore sind die Restauratoren bei ihrer Arbeit auf den Grund gegangen. Denn erst im 19. Jahrhundert, so Jacob, wurde die Empore, dem damaligen Zeitgeschmack gemäß, teilweise in Ultramarin übermalt, vielleicht auch, um bereits erste Schäden zu überdecken. Die ursprüngliche Hauptfarbe der Empore war Grau, einzelne Elemente in Weiß und Gold abgesetzt.

Zwei Wochen haben Dörte Busch und Dirk Jacob nun in der Niebendorfer Kirche gearbeitet. Teilweise sogar unter Vollschutz, denn auch hier wurde das zu DDR-Zeiten gerne verwendete Holzschutzmittel "Hylotox" verwendet, das leider nicht nur dem Holzkäfer, sondern auch dem Menschen an den Kragen geht, besonders, wenn an den Holzteilen gearbeitet wird und die Schadstoffe in die Raumluft gelangen.

Im Herbst, wenn die neuen "alten" Weinlaubsäulen aus Dresden da sind und die restlichen Säulen in der Werkstatt im neuen Glanz erstrahlen, werden die Arbeiten an der Empore zu Ende gebracht.

Die nächste Etappe bei der Restaurierung des Kircheninneren gilt vermutlich dem Patronatsgestühl. Von ursprünglich zwei Exemplaren solcherart Herrschaftslogen ist heute nur noch eine vorhanden. Ganz respektlos hat sich hier offensichtlich der Holzkäfer bedient. (Von Uwe Klemens)

Märkische Allgemeine vom 03. August 2012

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