Die Kirche bleibt im Dorf

von Gregor Krumpholz

 
Vor dem Altar der Dorfkirche: Erich Wallmann.
Foto: Theo Heimann/dapd

Viele Initiativen erhalten Gotteshäuser in Brandenburg. Am Sonntag kann man sie besichtigen

Selbelang - "Wir sind steinreich", scherzt Ulrich Seelemann. Ein Wortspiel. Der Konsistorialpräsident meint nicht die Finanzen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Er spielt auf die rund 1400 Dorfkirchen in Brandenburg an. Oft Kleinode, deren Schätze kaum bekannt sind. Am Sonntag, dem Tag des offenen Denkmals, sind sie zu bestaunen. Viele von ihnen entgingen nur wie durch ein Wunder dem Abriss.

Brandenburg ist wie ganz Ostdeutschland gesegnet an historischen Gotteshäusern. Vor allem auf dem Land, wo fast jeder noch so kleine Ort sein zumeist evangelisches Kirchlein hat. Ein Segen, der jedoch zum Fluch zu werden schien. Als Seelemann früher von seiner "steinreichen" Landeskirche sprach, schwang Wehmut mit. Mehr als jede zweite Brandenburger Dorfkirche stand vor dem Einsturz. Wegen der Weltkriege fehlte das Geld zur Sanierung, Materialmangel unter dem SED-Regime und der von ihm geförderte Mitgliederschwund der Kirche kamen dazu. Doch zwei Jahrzehnte später sprechen viele nun von einem Wunder.

Weniger als 20 Kirchen mussten aufgegeben werden, an rund 1000 wurde oder wird saniert. Zum Beispiel im Havelland westlich von Berlin. Stolz öffnet Erich Wallbaum die schwere Holztür zur Sankt Nikolaikirche des 300-Seelen-Ortes Selbelang. Der Blick weitet sich zu einem prächtigen barocken Portikusaltar. "Mit gotischen Heiligenfiguren", erläutert Wallbaum. Er ist Vorsitzender des Fördervereins für das Gotteshaus. Über 30 000 Euro haben er und seine 40 Mitstreiter den vergangenen sieben Jahren aufgebracht, um tiefe Mauerrisse zu schließen.

Auch im benachbarten Pessin gehen die Arbeiten an der Dorfkirche zügig voran. Handwerker entfernen schadhafte Steine aus der Fassade, erneuern den Putz. "Es hat wenigstens 30 Jahre reingeregnet", sagt der Vorsitzende des Fördervereins, Andreas Flender. Er hebt eine weitere Besonderheit des neu erwachten Engagements hervor. "In unserem Förderverein gehören viele gar keiner Kirche an", berichtet Flender. Durchschnittlich ist es mehr als jedes zweites Mitglied, schätzt Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen (FAK) Berlin-Brandenburg. "Sie haben erkannt, dass die Kirche im Dorf bleiben muss." Das Ende der DDR hat die Dorfstrukturen tiefgreifend verändert. Mit dem Ende der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften verloren viele ihren Arbeitsplatz und wanderten ab, erklärt der FAK-Geschäftsführer. "Danach schlossen der Laden, die Post und die Schule." Es blieb nur die Kirche als "Kristallisationspunkt", betont Janowski, der Fördervereine unter anderem bei der Gründung unterstützt.

So konnten viele Dorfkirchen in letzter Minute gerettet werden und erstrahlen in neuem Glanz. Doch neue Fragen rücken in den Vordergrund. "Wie kann und soll das Gotteshaus nun genutzt werden?", fragen sich auch Friederike Seim und Christof Reinecke vom Verein für die Buckower Dorfkirche Sankt Marien. Nur eine Handvoll der rund 80 Dorfbewohner gehören noch der evangelischen Kirche an. Gottesdienste finden allenfalls in mehrwöchigen Abständen statt. Mit Konzerten gelang es Seim und Reinecke bereits einige Male, wieder Leben in das Gotteshaus zu bringen. Nun schmieden sie und ihre Mitstreiter große Pläne. Sie wollen die frühere Wallfahrtskirche zu einer Außenstation der dezentralen Bundesgartenschau 2015 im Havelland machen. Einen 3,5 Kilometer langen "Pilgerweg" um die Kirche mit kulturgeschichtlichen Kommentaren haben sie bereits angelegt.

Ganz andere Wege werden in Zeestow eingeschlagen. Einen halben Kilometer neben der A 10 entsteht die erste Autobahnkirche am Berliner Ring. Pfarrerin Rajah Scheepers koordiniert das ökumenische Projekt. "Eine Tankstelle für die Seele", schwebt ihr vor, "mit einem Rastplatz und Spielgeräten für Kindern". Vor allem aber soll es in der schlichten Saalkirche nach 40 Jahren wieder Gottesdienste geben. Und eine echte Attraktion von hohem künstlerischen Rang. "Vielleicht ein Deckengemälde", so die Pfarrerin.

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 05. September 2012

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