Einhundertjähriges Nickerchen auf dem Dachboden

Doppeltaufe von Cousin und Cousine in derselben Kirche rüttelt den Niebendorfer Taufengel wach

Niebendorf Wie so oft im Leben zahlt sich Engelsgeduld am Ende doch aus. Mindestens einhundert Jahre lang musste der Niebendorfer Taufengel auf seinen nächsten irdischen Job warten.

 
Staunend und mit großen Augen verfolgt der einjährige Ferdinand seine Taufe.
Foto: Uwe Klemens/uks1

Am vergangenen Wochenende war es dann endlich soweit. Dass es gleich eine Doppeltaufe sein würde, mit der er nach seiner gewerkschaftlichen Verschnaufpause wieder ans Werk gehen würde, freute nicht nur ihn, sondern auch Pfarrer Joachim Boekels.

Hundertjähriger Schlaf

Wie Dornröschen hatte die Engelsdame auf dem Dachboden des Gotteshauses (Dorfkirche des Monats Dezember 2011) ein einhundertjähriges Nickerchen gehalten. "Hier in Niebendorf habe ich niemanden getroffen, der sich noch daran erinnern könnte, den Taufengel in Funktion gesehen zu haben", sagte Boekels, dem die Freude über diesen Tag im Gesicht geschrieben stand. Denn dass sich Cousin und Cousine am selben Tag in derselben Kirche taufen lassen, geschieht nun wirklich nicht alle Tage.

Greta Lotti Pfeiffer und Ferdinand Matz Lehmann heißen die beiden Glücklichen, die nun feierlich in den Kreis der Christenheit aufgenommen wurden. Dass dies in Niebendorf geschah, ist kein Zufall. Schließlich sind Gretas Mutter Christine und Ferdinands Mutter Catharina Schwestern und stammen aus dem kleinen Dorf.

Aufgeregt saßen auch ihre Eltern, Bärbel und Herbert Prinz, in der Kirche. Für Ferdinand war dies in doppelter Hinsicht ein besonderer Tag. Genau vor einem Jahr ist er in Berlin geboren worden.

Taufengel unter Bauschutt

"Nachdem ich wusste, dass auch ich schwanger bin, hatten meine Schwester und ich die tolle Idee, unsere Kinder gemeinsam taufen zu lassen", sagt Christine Prinz-Pfeiffer, die zusammen mit ihrem Mann Thomas in Niebendorf lebt. Auch Gretas große Schwester Stella, immerhin schon sechs Jahre alt, wurde hier getauft. Doch da schlummerte der Taufengel noch friedlich auf dem Dach unter einer dicken Schicht aus Staub und Bauschutt und wartete auf den Weckruf wie im berühmten Märchen.

Entdeckt wurde er von Landesrestaurator Werner Ziems, der vor vier Jahren bei einem Besuch in Niebendorf eher zufällig auf dem Dachboden die Überreste von zwei Taufengeln entdeckte. Wie Nachforschungen ergaben, konnte zumindest einer der beiden dem Niebendorfer Gotteshaus zugeordnet werden. Was die beiden in ihrem einhundertjährigen Versteck getrieben haben, wird wohl kein Sterblicher je in Erfahrung bringen.

Mehrjährige Restaurierung

Nach mehrjähriger Restaurierung im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege kehrte der Taufengel bereits im vergangenen Jahr zurück und wartete seither mit wahrer Engelsgeduld auf seinen ersten Einsatz.

"Als wir erfuhren, dass unsere Kinder die ersten Täuflinge nach der Restaurierung des Engels sein würden, haben wir uns sehr gefreut", sagt Christine Prinz-Pfeiffer. Der einjährige Ferdinand und seine zwölf Wochen alte Cousine nahmen die Sache gelassen und strahlten beim rituellen Benetzen der Stirn mit ein paar Tropfen Taufwasser um die Wette. Orgelmusik und Gesang des Frauenchores Niebendorf-Heinsdorf verliehen der Taufe zusätzlichen Glanz.

Familienfeier im kleinen Kreis

Anschließend ging es dann zur großen Familienfeier im "kleinen Familienkreis mit 43 Personen", wie Mutter Christine berichtete. Damit alle Gäste auch Platz finden, wurden Onkels und Tanten diesmal nicht eingeladen. "Sonst wären es wohl mehr als 70 Personen geworden."

Uwe Klemens/uks1

Lausitzer Rundschau vom 12. September 2012

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