Barocke Kunstwerke aus Fäden

Neuzelle (MOZ) Mit glänzenden Gold- und Silberfäden sind die üppigen Blumenmuster auf dem Stoff verziert. Erhebungen wölben sich hervor. Auf hellem Grund strahlen gelbe Blütenblätter, schlängeln sich grüne Stängel. Zwei prächtig verzierte Dalmatiken, liturgische Gewänder, von Diakonen getragen, standen am Donnerstag im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit im Kloster Neuzelle. Sie sind die zwei zuletzt restaurierten Teile eines barocken Weiheornats. Elf von ursprünglich 13 Teilen des Ensembles erstrahlen nun wieder in alter Schönheit. Die liturgischen Textilien, im Fachvokabular Paramente, wurden von Abt Martinius Graff für die Weihe des barocken Hochaltars in der Neuzeller Stiftskirche im Jahre 1741 in Auftrag gegeben.

 
Die Restauratorinnen Anke Weidner (l.) und Ines Zimmermann stellten ihre Arbeit am Weiheornat bei einem Symposium vor.
© MOZ/Gerrit Freitag

Bei einem wissenschaftlichen Symposium wurde das Resultat von rund fünf Jahren Restaurationsarbeit an den liturgischen Textilien vorgestellt. 15 Personen haben in dem Berliner Atelier rund 3300 Stunden an den kostbaren Geweben gearbeitet, sagte Anke Weidner, eine der leitenden Restauratorinnen. Seit 2009 sind einzelne Teile des Ensembles im Museum des Klosters ausgestellt. Dazu gehören als ein Hauptteil das Pluviale, ein halbkreisförmiger Umhang. Dieser ist in einer Vitrine zu sehen. Wohl der kleinste Teil ist die Palla, eine quadratische Kelch-Bedeckung. Das Geld für das Projekt kommt von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Sparkasse Oder-Spree. Mehr als 100 000 Euro haben die Arbeiten gekostet, sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Claus Friedrich Holtmann.

16 verschiedene Sorten Gold- und Silberfäden, Seidengarn in mehr als 100 Farbtönen wurden verwebt und verstickt. Die opulenten Gewänder sind Ausdruck des barocken Zeitgeistes, beschreibt Anke Weidner. "Es geht um Inszenierung und die Überhöhung der gesamten Liturgie." Die Weihe des Hochaltares 1741 in Neuzelle bildete den Abschluss langer Bautätigkeit, die barocke Kirche hatte ihre Pracht entfaltet. Die feierliche Messe war auf den Hochaltar ausgerichtet. Die verzierten Teile des Ornats konnten bei der Zeremonie glänzen.

Diese zentralen Stücke stammen aus der großen Paramentensammlung des Klosters. Rund 700 Stücke umfasst der textile Schatz, der noch in extra dafür angefertigten, hölzernen Schränken ruht. In den 1980er-Jahren wurde ein Register angefertigt, erläuterte Winfried Töpler vom Bistum Görlitz, ein Kenner der Kloster-Geschichte. Im 18. Jahrhundert hat es dort eine eigene Näherin für die kostbaren Textilien gegeben. Die meisten der heute noch erhaltenen Stücke stammen aus der Zeit. "Oft waren es die Küster, die die Textilien erhalten mussten", sagte Töpler. Der Seidengrund wurde teils einfach übergenäht, wenn sich Fäden gelöst hatten. Auch Feuchtigkeit setzte den Metallbestandteilen zu, Licht ließ die Naturfasern brüchig werden. Zu DDR-Zeiten wurden die Textilien mit dem aggressiven Holzschutzmittel Hylotox kontaminiert, erläuterte Walter Ederer, Direktor Marketing und Kultur der Stiftung Stift Neuzelle.

Um die Sammlung aufzuarbeiten, muss der Zustand aller Stücke geklärt und ein kunsthistorisches Inventar angelegt werden. Es bräuchte Depots und Ausstellungsflächen, sagte Ederer. Die Sammlung könnte sich als eine der größten barocker Paramente und ebenso bedeutsam wie die "Passionsdarstellung vom Heiligen Grab" erweisen, für die eigens ein Museum erbaut wird. "Das ist eine Aufgabe für die nächsten Generationen."

Märkische Oderzeitung vom 21. Februar 2013

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