Stülers Originalpracht plus Sitzheizung

Chorin (MOZ) Nach einem Jahr der Restaurierungsarbeiten wird die Brodowiner Kirche am Sonntag mit einem Festgottesdienst wiedereingeweiht. Das Resultat fordert das menschliche Auge mit ungewöhnlichen Farbkombinationen und Mustern heraus. So hat es Baumeister Stüler einst geplant.

Viele Details zu entdecken: Pfarrer Andreas Lorenz betrachtet von der Orgelempore aus die farblichen Verzierungen an Wänden und Decke.
© MOZ/Thomas Burckhardt
 
Mit Sitzheizung: Die alten Bänke waren nicht mehr zu retten und sind durch originalgetreue Nachbauten ersetzt worden.
 
Verwirrend für das Auge: Ein Sternenmuster ziert den Bereich hinter dem Altar in der Apsis.

Der Farbgeruch zieht noch schwer durch die Nase. Erst vor wenigen Tagen sei der letzte Anstrich getrocknet, sagt Pfarrer Andreas Lorenz. Seit Mittwoch liegt die Altardecke wieder auf dem Tisch. Die Baugerüste sind abgeräumt und die neuen, den Originalen nachgebauten Holzbänke stehen Reihe für Reihe an ihrem Platz.

Jetzt ist in voller Pracht zu erkennen, was Denkmalschützer, Restauratoren und Handwerksbetriebe in penibler Arbeit zu Tage gefördert und wiederhergestellt haben: Das Kircheninventar, so, wie es der Baumeister Friedrich August Stüler für das 1853 eingeweihte und an der Spätgotik orientierte Gotteshaus ersonnen hatte. Der vormals karge Kontrast aus Dunkelbraun und Weiß ist einem ungewöhnlichen Farbspiel gewichen. Cappuccinofarben der Grundanstrich der Wände, dazu farbige Zierstriche, Palmettenmuster in den Deckenkassetten und ein in auffälligem Grün gestrichener Orgelkasten. "Die Orgel sorgt für Diskussionen", räumt Lorenz ein. Allein: Untersuchungen haben zweifelsfrei ergeben, dass Stüler es einst so beauftragt hatte. "Inzwischen kann ich aber gut damit leben."

Insgesamt knapp 600 000 Euro sind verbaut worden. 60 Prozent kommen aus dem Topf für integrierte ländliche Entwicklung (ILE), den Rest teilen sich Landeskirche, Kirchenkreis, Kirchengemeinde und verschiedene Stiftungen. "Es war ein aufregendes Jahr", erinnert der Pfarrer sich zurück. Nie zuvor habe er so viel Zeit in der Kirche verbracht. Handwerksbetriebe aus der Region sowie aus Sachsen und Thüringen haben sich die Klinke in die Hand gegeben, 80 Prozent des Dachstuhl-Holzes sind ausgetauscht worden.

In der Weihnachtszeit ist die Kirche vorübergehend schon wieder genutzt worden. Doch jetzt erst sind die Früchte der Sanierungsarbeit in Gänze sichtbar. Im Winter ist beispielsweise noch ein Sternenmuster im Sockelbereich der Apsis hinzugekommen. Allein die Emporenbrüstung bleibt vorerst im alten Zustand, einschließlich der Holzwurmspuren. Während der Freilegung des Holzes haben die Restauratoren Spuren eines Musters entdeckt, das nicht ohne weiteres wiederhergestellt werden kann, und einfach überstreichen verbietet sich aus denkmalschützerischer Sicht. "Aber das ist eigentlich ein Luxusproblem", findet Lorenz.

Die Denkmalschützer haben sich für eine Sanierung entschieden, die den ursprünglichen Zustand des Gebäudes transparent macht. Einzelne Stellen an Wänden und Deckenkonsolen sind von den Malerarbeiten ausgespart geblieben, um das freigelegte Original sichtbar zu machen. Die beiden überlebensgroßen Engel rechts und links der Apsis, für die sich der Originalzustand anhand der Überreste nicht zweifelsfrei belegen ließ, sind gar komplett als fadenscheinige Relikte konserviert.

Die gesamte Ostwand, an der die Figuren prangen, war vor der Sanierung durchfeuchtet. Über die Ursache sind sich die Experten nicht ganz einig: Es könnte an einer versiegelnden Latex-Farbe liegen, die verhinderte, dass das Mauerwerk atmet. Sicher ist das aber nicht. Jedenfalls verständigten sich die Beteiligten darauf, dass eine moderne Heizung her müsse. Eine Gastherme, die gegenüber der Kirche im Pfarramt untergebracht ist, sorgt nun für die richtige Temperatur. Per Fernwärmeleitung wird eine umlaufende Sockelheizung im Kirchenschiff versorgt; ein zweiter Kreislauf heizt gar jede einzelne Bank von unten.

In diesem Jahr soll außerdem noch das äußere Mauerwerk neu verfugt werden. Zwar sieht das Feldsteingemäuer auf den ersten Blick akkurat aus. Tatsächlich aber fehlen zahlreiche der kleineren Zwickelsteine, die zum Auffüllen der Zwischenräume zwischen größeren Brocken verbaut worden sind. "Jetzt ist es eine Maßnahme, die keinen Aufschub mehr duldet", sagt Lorenz.

Doch bevor sich das Haus wieder in eine Baustelle verwandelt, wird gefeiert - und zwar Sonntag ab 14 Uhr mit einem Festtagsgottesdienst. Heilgard Asmus, Generalsuperintendentin des Sprengels Potsdam, hält die Predigt. "Wir fahren alles auf, was wir haben", verspricht Pfarrer Lorenz - aus Eberswalde reist die Bläsergruppe an, der Kirchenchor hat bereits auf der frisch gestrichenen Orgelempore geprobt. Anschließend wird Andreas Lorenz im Gasthaus "Schwarzer Adler" mit einem Fotovortrag von der Sanierung berichten.

Märkische Oderzeitung vom 23. März 2013

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