Eine Raststätte für die Seele

Duben (MOZ) Etwa eine Million Besucher wird jährlich in den deutschen Autobahnkirchen gezählt. Die entsprechenden Kriterien für eine solche Kirche nahe der Autobahn erfüllt auch jene in Duben (Dahme-Spreewald), die 1997 zur ersten Autobahnkirche Brandenburgs wurde. Eine zweite entstand im Barnimer Ort Werbellin. Pfarrer Hans-Joachim Walzer initiierte die erste "Tankstelle für die Seele" in der Mark.

Der Pfarrer und "seine" Kirche: Hans-Joachim Walzer hatte die Idee, das Gotteshaus in Duben als Autobahnkirche zu nutzen.
© Sören Stache
 
Innehalten in einer rastlosen Zeit: Die Kirche soll den Reisenden ein Ort der Besinnung sein.
© Sören Stache

Geduld
Manchmal geht es mir nicht schnell genug: Der Stau vor einer Ampel ist zu lang, das Fahrzeug vor mir fährt zu langsam oder ich bin in Eile. Herr, gib mir in diesen Situationen die notwendige Einsicht, damit ich nicht meine Gesundheit oder mein Leben meiner Ungeduld wegen aufs Spiel setze.
(Aus: Gebete und Lieder für unterwegs)

Auf der A13 Richtung Dresden, kurz vor dem Dreieck Spreewald, weist seit vielen Jahren ein Schild auf die Autobahnkirche Duben hin. Wer nicht in Eile ist (oder genau deshalb) und die Dubener Ausfahrt wählt, entdeckt nach nur wenigen Augenblicken, keine 500 Meter von der Autobahn entfernt, eine über 330 Jahre alte Fachwerkkirche. Ein weiteres Hinweisschild direkt gegenüber macht noch einmal deutlich: Hier sind vor allem Kraftfahrer und ihre Beisitzer eingeladen, eine "Rast für die Seele" einzulegen. Hinter der Kirche befindet sich ein Parkplatz, um das Gefährt abzustellen und für einen Moment die Stille im Kircheninneren zu genießen.

Das Dubener Gotteshaus ist die erste Autobahnkirche Brandenburgs und nach der Kirche Peter und Paul im sächsischen Uhyst am Taucher die zweite in Ostdeutschland. Sie ist sein Kind. Er hatte die Idee, er zeigte sich dafür verantwortlich, er machte sich für sie stark: Pfarrer Hans-Joachim Walzer. Im September 2011 ging er zwar in den Ruhestand, aber er ist dennoch mindestens einmal in der Woche in "seiner" Kirche und schaut nach dem Rechten.

"Zu DDR-Zeiten war von Autobahnkirchen keine Rede, auch ich hatte vor der Wende nie etwas davon gehört", erzählt der Pfarrer a.D., obwohl es zu jener Zeit bereits seit über 30 Jahren Autobahnkirchen und -kapellen gab. Die erste wurde 1958 eigens für diesen Zweck erbaut. Sie liegt an der vielbefahrenen A8 im Landkreis Augsburg bei Adelsried und nennt sich "Maria, Schutz der Reisenden". Gestiftet hat sie eine Augsburger Familie, ein Wiener Architekt machte den Entwurf. Ihren Namen verdankt sie einer Überlieferung aus dem Matthäusevangelium, wonach die Heilige Familie Jesus, Maria und Josef nach langer, beschwerlicher Reise aus der Fremde in ihre Heimat zurückkehrte und Gott sie durch alle Gefahren und Unsicherheiten hindurch sicher an ihr Ziel brachte. Seit Ende der 50er Jahre entstanden in Deutschland rund 39 Autobahnkirchen. Es gibt keine spezielle kirchliche Institution, denen sie unterstehen, doch seit ihrer Gründung 1980 kümmert sich die "Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen", die zur "Bruderhilfe - Pax - Familienfürsorge" gehört, um die Gotteshäuser an den Autobahnen. Schwerpunkt der "Akademie" sind die Freizeit-, Tourismus- und Notfallseelsorge. Alle Aktivitäten werden in gemeinsamer Trägerschaft mit kirchlichen, caritativen und diakonischen Organisationen umgesetzt, so auch die Aufnahme von Gotteshäusern in die Liste der Autobahnkirchen.

Pfarrer Walzer hatte zum ersten Mal das Schild Autobahnkirche gesehen, als er 1990 mit Konfirmanden zur Partnergemeinde nach Solingen fuhr. Als er dann einen Flyer zu den Autobahnkirchen in der Hand hielt, kam ihm die Idee, auch die Dubener Kirche als "Raststätte für die Seele" zu erklären, da sie nur wenige hundert Meter von der Autobahn entfernt ist. Er erfuhr über den damaligen Staatssekretär im sächsischen Wirtschaftsministerium, Wolfgang Zeller, dem Initiator der Autobahnkirche Uhyst, von den Zusammenkünften der Pfarrer von Autobahnkirchen. Schon 1991 nahm der Dubener Kirchenmann an den Sitzungen der "Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen" teil. Damals war seine Kirche in einem jämmerlichen Zustand und musste saniert werden.

Mit der Idee einer Autobahnkirche konnte der Pfarrer auch öffentliche Gelder für die Sanierung eintreiben und erhielt beispielsweise von der Gemeinde Duben 100 000 D-Mark. 1993 konnte die Sanierung beginnen, und als sie fünf Jahre später vollendet war, wurde das evangelische Gotteshaus zur ersten Autobahnkirche Brandenburgs.

Laut eines Beschlusses der Konferenz der Autobahnkirchenpfarrerinnen und -pfarrer müssen die Autobahnkirchen bestimmte Kriterien erfüllen, um in die Liste aufgenommen zu werden. So dürfen sie nicht mehr als 1000 Meter von der Autobahn entfernt sein, und der Abstand zwischen zwei Autobahnkirchen an derselben Autobahn sollte mindestens 80 Kilometer betragen. Entsprechende Parkplätze und sanitäre Anlagen sind ebenso erforderlich wie eine Mindestgröße an Plätzen, um auch eine Bus-Reisegruppe aufzunehmen. Der Träger muss zudem in der Lage sein, Mindestöffnungszeiten von 8 bis 20 Uhr täglich zu gewährleisten sowie die zusätzlichen Kosten für Energie und Sauberhaltung aufzubringen. "Es wurden auch schon Kirchen abgewiesen", weiß der gelernte Uhrmacher, der erst später Theologie studierte und 1985 in Duben seine erste Pfarrstelle bekam. Für die Sauberkeit und die Gewährleistung der Öffnungszeiten (im Winter von 7-19 Uhr, im Sommer von 6 bis 21 Uhr) sorgen Kirchengemeindemitglieder im Ort.

Der neue Pfarrer von Duben sei allerdings in Sachen Autobahnkirche nicht so sehr engagiert, bedauert Hans-Joachim Walzer. Auch bei der zentralen Zusammenkunft im vergangenen Jahr war er nicht vertreten, was allerdings auch keine Bedingung ist. Immerhin nutzten 2012 über 3000 Leute das Kleinod als seelische Raststätte auf ihren Reisen.

Am 15. Juni wird wieder der Tag der Autobahnkirchen begangen. Der zentrale Gottesdienst findet diesmal in der Zeestower Kirche bei Nauen statt, die gerade saniert wird und 2014 neben jener des ev. Pfarramtes Schorfheide in Werbellin zur dritten Brandenburger Autobahnkirche werden soll.

Märkische Oderzeitung vom 09. April 2013

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