Die Engelretterin

Restauratorin Martina Klingler aus Garz bewahrt Taufengel aus Dorfkirchen vor dem Verfall zurzeit den aus Herzberg

GARZ - An einem Fleischerhaken baumelt mit sanftem Blick der Taufengel der Herzberger Kirche von der Wohnzimmerdecke. Dicht an dicht sitzen die Löcher der Holzwürmer, an manchen Stellen ist das Holz so porös, dass Teile abgebröselt sind. Restauratorin Martina Klingler müht sich geduldig, den Engel vor dem Verfall zu bewahren. "Meine Arbeit läuft mehr auf eine Konservierung hinaus", sagt sie. "Aber einzelne Teile muss ich restaurieren." Zum Beispiel die fehlende Unterlippe. Hier muss behutsam Schicht für Schicht, mit Holzfasermasse die zerstörte Fläche modelliert werden. Mit feinem Zahnarztspachtel, Wattestäbchen und Skalpell sorgt die Garzerin für Festigung und Reinigung des Holzes und der darüberliegenden verschliffenen Kreideschichten. Auf denen sind neben der verblassten Farbe auch noch Reste von Blattvergoldung und Silber zu finden, wenn man sehr genau hinschaut.

Martina Klingler ist zwar keine Engelspezialistin, hat aber schon so manchen Taufengel unter ihren Händen gehabt. Die Holzbildhauerin aus der Rhön arbeitet seit 1978 als Restauratorin nach einer innerbetrieblichen Ausbildung im Institut für Denkmalpflege. "Ich bearbeite alles, was einen Aufbau hat und gemalt ist". Das umfasst Altäre, Skulpturen und Tafelbilder, aber auch das Leinwandflicken gehört dazu. "Restaurierung von gefasstem Kunstgut", heißt ihre Fachrichtung. Mit Fassung sind hier die vielen Schichten aus Kreide, Farbe und Überzug gemeint, die auf dem Trägermaterial Holz, Metall, Leinwand oder Stein aufgebracht wurden. Beim Herzberger Taufengel ist es Massivholz.

Als ihre bisher größte Herausforderung benennt Klingler die Predella (Teil eines mehrteiligen Altargemäldes) des Teetzer Altars. "Das war Cranach-Schule", schwärmt sie und verrät, dass ihr einige der Stücke während der mühevollen Arbeit so ans Herz wachsen, dass sie sich nur schwer von ihnen trennen kann. "Erst meckere ich über den Zustand und dann verliebe ich mich immer", sagt sie und schmunzelt.

So geht es ihr auch mit ihrem Heim, der denkmalgeschützten Alten Schäferei in Garz, die sie liebevoll mit ihrem Mann wieder hergerichtet hat. "Es ist die älteste Schäferei in Brandenburg", sagt sie stolz. Eine Schafherde passend zur Adresse tummelt sich hinter dem Gehöft auf einer Weide ein Streichelzoo für Feriengäste. "Von der Restaurierung allein kann ich nicht leben", sagt Klingler.

Schon zu DDR-Zeiten war für die Kunst wenig Geld da, berichtet sie. Nun sei es noch schwieriger geworden. Aufträge abzulehnen, das könne sie sich gar nicht mehr leisten. "Man muss nehmen, was man kriegt. Die Kunst ist das Letzte, wofür der Staat Geld ausgibt." Die meisten Aufträge erhält sie über Spendenaktionen wie "Menschen helfen Engeln." Auch die Gemeinde Herzberg hat das Geld für die Taufengelrestaurierung von der Aktion bekommen.

Insgesamt 65 000 Euro an Spenden sind seit 2009 für die Aktion beim Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg eingegangen. "Eine sehr erfolgreiche Geschichte", sagt Geschäftsführer Bernd Janowski. Ein Großteil der bisher vorgestellten 18 Taufengel ist bereits wieder hergestellt oder gerade in Arbeit, wie der aus der Kirche Herzberg. Die benötigte Arbeitszeit kann die Restauratorin vorab schwer einschätzen. "Meist werden es doch mehr Stunden, weil sich während der Arbeit noch Baustellen auftun." Sie hofft, den Engel Ende Mai wieder in sein angestammtes Zuhause entlassen zu können. (Von Regine Buddeke)

Märkische Allgemeine vom 24. April 2013

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