Kostbares Alabasterrelief kehrt heim

Von: Felix Alex

In dieser Form weltweit einzigartig: Das aus dem 15. Jahrhundert stammende Relief ringt nicht nur dem Mödlicher Kirchenältesten Klaus-Dieter Pawels fast schon ehrfürchtige Blicke ab. Auch die Fachwelt ist von dem Unikat begeistert.
Felix Alex
 
Über 400 Jahre alt: das hölzerne Taufbecken der Mödlicher Kirche.

Fast schon ehrfürchtig blickt Klaus-Dieter Pawels am Altar empor. Man sieht, wie seine Augen die kleinen weißen Skulpturen abfahren und merkt seinen Worten an, wie viel ihm die Kirche bedeutet. Doch bevor er seinen Blick über den Altar schweifen lassen kann, ist mehr nötig, als den großen Schlüssel im alten Schloss der Holztür herumzudrehen. Auch müssen die Finger des Kirchenältesten nach einem neuen, viel kleineren Schlüssel suchen. Dann öffnet sich die Gitter-Stahltür und gibt den Weg ins Kircheninnere frei. "Schuld" an diesen neu installierten Sicherheitsmaßnahmen ist das mittelalterliche Alabasterrelief im Altaraufsatz, das jetzt, nach 14-monatiger Restaurierung, wieder seinen Platz im Mödlicher Gotteshaus gefunden hat.

Vor eben jenen 14 Monaten bauten die beiden Restauratoren Birgit und Björn Scheewe aus Stralsund die aus dem 15. Jahrhundert stammenden Alabasterreliefs aus. Schädliches Raumklima in der Dorfkirche und vor allem der Zahn der Zeit hatten an den Kunstwerken genagt. "Wir haben die kleinteiligen und stellenweise sogar vollplastisch ausgebildeten Figuren gereinigt, konserviert, abgebrochene Teile angefügt und gewisse Bereiche wieder vergoldet", erzählt Björn Scheewe. Etwa 100 Jahre ist die vorangegangene Instandsetzung nun her, verdeutlich der Restaurator. Mittlerweile waren die Abnutzungsspuren an den "Freuden der Maria", wie das Thema des mittelalterlichen Relief zyklusses lautet, jedoch unübersehbar.

Ein Professor aus Essen spendete für das Projekt

Grund genug für die Kirchgemeinde um Klaus-Dieter Pawels, wieder aktiv zu werden. Vieles hatten sie in den vergangenen 20 Jahren bereits erreicht und so manchem in der einschiffigen Dorfkirche wieder zu altem Glanz verholfen. 1997 konnte das Turmdach repariert und neu gedeckt werden. Instandsetzungsmaßnahmen am Turmfachwerk und den Schiff- und Chordächern folgten. Jetzt war das Alabasterrelief an der Reihe.

Derartige Altäre wurden in England im 15. Jahrhundert hergestellt und nach fast ganz Europa exportiert. Mit der Reformation endete die Produktion und in protestantischen Gegenden wurden viele Werke zerstört. Und auch sonst verschwanden die meisten Alabasterreliefs aus den Kirchen. "Diese Reliefs sind mittlerweile sehr selten und oft nur in Museen zu betrachten. In deutschen Kirchen gibt es diese Form gar nicht mehr und auf der ganzen Welt in solcher Vollständigkeit nur noch eineinhalb Dutzend", weiß Björn Scheewe. Von den "Freuden der Maria" seien weltweit noch drei Exemplare erhalten, unter anderem in Danzig, jedoch in anderem Zustand. Das ist auch der Grund, weshalb man den Wert des Altars, der in seiner Art, Fertigung und Vollständigkeit bemerkenswert ist, nicht beziffern kann.

Ebenso bemerkenswert ist wohl auch das Zustandekommen der Finanzierung für die Arbeiten. Zwar stellte die Deutsche Stiftung für Denkmalschutz 4000 Euro zur Verfügung, doch stammte der Großteil aus ganz anderen Taschen. "Ein Professor aus Essen hat anlässlich seines 80. Geburtstags zu Spenden aufgerufen, wurde reich beschenkt und hat uns das Geld zur Verfügung gestellt", weiß Pawels. Der Spender ließ es sich dann auch nicht nehmen, zum Festgottesdienst zu erscheinen, bei dem das Relief feierlich übergeben wurde. Doch dass es überhaupt dazu kommen konnte, wurde wenige Tage vor der Einweihung noch einmal kritisch.

Die Flut verhinderte fast die Einweihung

"Wir hatten den kompletten Altar schon installiert, als die Prognose der Hochwasserstufe vier verkündet wurde. Da haben wir alles wieder ausgebaut und im Perleberger Museum eingelagert", erinnert sich Björn Scheewe. Pünktlich zur Übergabe war dann alles wieder an seinem alten und neuen Platz.

Und noch etwas oder besser gesagt jemand fand durch die Renovierungsarbeiten einen neuen Platz. Björn und Birgit Scheewe werden ihre Heimat verlassen und in der Prignitz heimisch werden. "Wir haben in Lenzen eine neue Bleibe gefunden", berichtet der Konservator. Arbeit könnte die Beiden noch genug erwarten, denn noch ist das Projekt "Moorkirche" nicht beendet. "Die Särge des Admirals" (Aernoult Gysels van Lier d. Red.) müssten restauriert werden, die Orgel ist kaputt, die Glocken sollen elektrisch läuten und auch der Torweg müsste gemacht werden", fasst Klaus-Dieter Pawels zusammen. Gemeinsam mit dem hölzernen Taufbecken und der Kanzel eine Attraktion mehr, um die Kirche zu besuchen, aber auch ein weiterer Grund, das Schloss der beiden Gitter-Stahltüren einmal mehr umzudrehen.

Der Prignitzer vom 06. Juli 2013

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