Fehrbelliner Orgel restauriert

Musikgenuss statt Dividende

Damit die Fehrbelliner Orgel restauriert werden kann, vergibt die Kirchengemeinde jetzt Liebhaber-Aktien für Spender. 53 000 Euro braucht die Kirchengemeinde, um die Orgel zu restaurieren. Das ist eine ganze Menge für die 901-Seelen-Gemeinde. Über 20 000 Euro an Spenden sind bereits zusammengekommen, weitere 10 000 Euro könnten insgesamt von der Union Evangelischer Kirchen sowie der Stiftung zur Erhaltung der Orgeln kommen.

Markus Sehmsdorf im Orgel-Innenraum: Um ihn herum stehen insgesamt 729 Pfeifen, die alle generalüberholt werden müssen.
Quelle: Henry Mundt

Fehrbellin. Flink besteigt Markus Sehmsdorf den Organistensitz auf der Empore. Er schlägt die Noten im Choralbuch auf und drückt in die Tasten. Wunderbar warme, volle Klänge entlockt der Fehrbelliner Pfarrer der Orgel.. Markus Sehmsdorf kneift dennoch leicht unzufrieden die Augen zusammen. "Die Orgel könnte noch besser klingen", sagt er. Denn im Moment ist nur ein Manual im Gange. Das zweite funktioniert nicht. Ebenso wenig wie die Hälfte der Register, das Pedal und noch eine ganze Reihe anderer Dinge an dem 1870 vom namhaften, thüringischen Orgelbauer Wilhelm Heerwagen extra für die Fehrbelliner Kirche konzipierten Instrument. "Dadurch kann man nicht die ganze Fülle der Musik erleben, die diese tolle Orgel uns schenken kann", sagt Markus Sehmsdorf.

53 000 Euro braucht die Kirchengemeinde, um die Orgel zu restaurieren. Das ist eine ganze Menge für die 901-Seelen-Gemeinde. Über 20 000 Euro an Spenden sind bereits zusammengekommen, weitere 10 000 Euro könnten insgesamt von der Union Evangelischer Kirchen sowie der Stiftung zur Erhaltung der Orgeln kommen. Da das aber immer noch nicht reicht, hat Markus Sehmsdorf nun eine neue Idee entwickelt. Der Pfarrer vergibt seit gestern eine Heerwagen-Orgel-Aktie. 50 Euro kostet das Papier, das zwar keine monetäre Dividende verspricht, den Käufern aber Genussrechte garantiert. Denn die Erwerber sichern sich mit dem Kauf der Aktie mit ihrem Nennwert von 50Euro Zutritt zu insgesamt acht Konzerten in den Jahren 2014 und 2015 ‒ also dann, wenn das Instrument bereits erneuert ist. "Ich will keine Konzerte auf einer halben Orgel anbieten", sagt Markus Sehmsdorf. "Es ist besser zu warten, um dann den Gästen den vollen Klang anzubieten."

Die Auflage der Aktie ist auf 500Exemplare limitiert. "Wir haben auch nur 550 Plätze in der Kirche. Und jeder, der einen Genussschein erworben hat, soll das Konzert hören dürfen", erklärt Markus Sehmsdorf. Für die Konzertreihe, die verschiedene Musikstile abdecken soll, hat er unter anderem schon bekannte Kantoren aus der Region angefragt. Die Auftritte sollen sowohl nachmittags als auch abends, werktags und am Wochenende stattfinden, um einen möglichst großen Publikumskreis anzusprechen.

Bereits im Oktober soll die Orgel ausgebaut werden, damit sie im Winter in einer Eberswalder Orgelwerkstatt überholt werden und zu Pfingsten kommenden Jahres wieder ihre volle Klangfarbe entwickeln kann. Die Kirchengemeinde finanziert das ehrgeizige Projekt vor. "Aber wir gehen davon aus, dass das mit dem Verkauf der Aktien klappen wird", sagt Markus Sehmsdorf. Denn die Summe ganz zu stemmen ‒ das kann sich die Fehrbelliner Gemeinde nicht leisten.

Genauso wenig wie eine Generalüberholung aller Einzelteile der Orgel. So sollen lediglich alle 729Pfeifen, die zwischen 18 Zentimetern und sieben Metern groß sind, kontrolliert, ausgebessert und nachgestimmt, alle vom Holzwurm befallenen Holzstellen ersetzt, das zweite Manual und der zweite Blasebalg, das Pedal und die stillgelegten Register wieder in Gang gesetzt werden. Aber der dritte Blasebalg bleibt ausgeschaltet, die Prospektpfeifen, die früher mal aus Zinn waren und heute aus legiertem Zink bestehen, werden nicht ausgetauscht. "Man kann nicht aus einem Trabi einen Mercedes machen", sagt Markus Sehmsdorf. "Aber wer will das schon? Unsere Orgel klingt wunderbar. Der Raum und der Klang sind hier aufeinander abgestimmt ‒ und das ist das Entscheidende."

Von Celina Aniol

Märkische Allgemeine vom 06. August 2013

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