Kienitzer verteidigen ihren Altar

Kienitz (MOZ) Über Kunst kann man streiten. Doch in der Kienitzer Kirche geht es seit der Bauabnahme um viel mehr, nämlich um nicht eingehaltene Verfahren, um künstlerische Freiheit, religiöse Symbolik - und ums Geld. Pfarrer und Kirchengemeinde widersetzen sich dem kirchlichen Bauamt.

Gezerre ums kirchliche Mobiliar: Pfarrer Frank Schneider kämpft um den Erhalt von Altar, Taufbecken und Pult in der Kienitzer Radwegekirche.
© MOZ/Heike Hahn

"Das alles bleibt hier drin!", sagt Pfarrer Frank Schneider bestimmt. In seinem Gesicht ist keine Unsicherheit, kein Wankelmut zu erkennen. Mit dem Satz legt sich der Pfarrer mit Rückendeckung der evangelischen Kirchengemeinde Letschin-Oderbruch mit der Landeskirche an. Oder präziser: mit dem kirchlichen Bauamt. Das fordert nämlich die Entfernung von Altar, Rednerpult und Taufbecken aus dem Kirchsaal.

Der Streit um das kirchliche Mobiliar, Prinzipalien genannt, begann mit der Bauabnahme der Kirche. Damals, im September vergangenen Jahres, hatte das kirchliche Bauamt einiges zu monieren. "Die Geländer am Eingang zur Kirche sowie eine Regenrinne am Café mussten zurückgebaut werden", erzählt Frank Schneider. Doch damit nicht genug. Auch die indirekte Beleuchtung missfiel den Zuständigen aus Berlin. "Man sagte, es passe nicht zu einem sakralen Bau." An Altar, Taufbecken und Pult störte das kirchliche Bauamt anfangs nur eines: Sie seien aus Materialien gefertigt, die als nicht heilig genug gelten würden. "Dabei gibt es ganze Kirchen aus Kunststoff", kontert der Pfarrer.

Doch der Unterschied zwischen Regenrinne, Geländer und den Prinzipalien ist ein gravierender: Das eine wurde mit Fördergeldern gebaut, das andere wurde von der Kirchengemeinde selbst bezahlt. "Die Begeisterung für den Entwurf des Bildhauers und Kunstschmieds Axel Anklam war groß, die Spendengelder flossen allein dafür", erklärt Frank Schneider. Der Fehler der Kirchengemeinde: Sie vergaß, den Kunstbeauftragten der evangelischen Kirche zu fragen. Dieser sitzt in Berlin und heißt Pfarrer Christhard-Georg Neubert. "Wir haben uns schriftlich bei ihm entschuldigt und ihm Fotos der Prinzipalien geschickt - auf eine Reaktion von ihm warten wir bis heute", so Schneider.

Neubert, der umgehend auf eine Anfrage der MOZ reagiert, gibt sich sachlich. "Die Kirchengemeinde in Letschin hat einen Auftrag erteilt, zu der sie nicht autorisiert war", erklärt der Kunstbeauftragte. Und wer sich nicht an die internen kirchlichen Regeln halte, müsse mit Konsequenzen rechnen. Dabei urteile er nicht über die Kunst, erklärt Neubert. Eine Ausschreibung und ein Wettbewerb unter Künstlern für die Neu- oder Umgestaltung von Kirchen sei nun mal Vorschrift. Es gehe nicht nur um die Kirchengemeinde, sondern um eine christliche und kommunale Öffentlichkeit. "Die Vergabe eines Auftrags kann nicht einfach nach Gutsherrenart geschehen, ohne Sachverstand", so Neubert.

Dabei sei Axel Anklam alles andere als irgendein Künstler. Das betont Frank Schneider immer wieder. Anklam hat sich überregional einen Namen gemacht. Er arbeitete in Sanssouci, studierte in Venedig, gewann viele Preise. Das Schiff, das über dem Altar im Kienitzer Kirchsaal schwebt, ist eine Leihgabe Anklams. Angesprochen auf den Streit um sein Kunstwerk reagiert Anklam mit einem ungläubigen Lachen. "Ich denke, das läuft unter künstlerischer Freiheit, zudem ist es voll von religiösen Metaphern", erklärt der Künstler. Die Kirchengemeinde erwarb das Ensemble für weniger als 7000 Euro. Angesichts des Rufs des Künstlers ein Schnäppchen. "Schade ist auch, dass so engagierten Leuten der Wind aus den Segeln genommen wird", sagt Anklam.

Doch nun geht es beim Bauamt ums Geld. "Sie halten 25 000 Euro der Fördersumme zurück, solange das Ensemble Anklams im Kirchsaal steht", erzählt Pfarrer Schneider. Dabei sei bei der Bewilligung der Fördersumme durch die Landeskirche nur eine Bedingung gestellt worden: Die Kienitzer Kirche muss im Sinne des Denkmalschutzs saniert werden. Das sei geschehen. "Ich weiß, dass wir einen langen Atem brauchen", sagt Schneider. Sein nächster Schritt: Er schaltet Bischof Markus Dröge ein und erhofft sich von ihm Hilfe.

Märkische Oderzeitung vom 14. August 2013

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