Kreative Orgelrettung

Aktien für 729 Pfeifen

Von Katrin Bischoff

Markus Sehmsdorf im Orgel-Herzen: 729 Pfeifen müssen restauriert werden.
Foto: Gerd Engelsmann

FEHRBELLIN Die Kirchenorgel von Fehrbellin (Ostprignitz-Ruppin) muss restauriert werden. Dafür sind 53.000 Euro notwendig. Da ein Großteil des Geldes noch fehlt, ist der Pfarrer der Gemeinde auf eine ungewöhnliche Idee gekommen. Er gibt Aktien aus.

Das Pedal der alten Heerwagen-Orgel in der noch ein wenig älteren Stüler-Kirche von Fehrbellin (Ostprignitz-Ruppin) deckt behelfsmäßig ein ausgedientes Schrankteil ab. Pfarrer Markus Sehmsdorf in Jeans und schwarzer Jacke lässt die Finger über die Tasten der Orgel gleiten. Warme Klänge hallen durch den hohen Kirchenbau. Aber Sehmsdorf ist trotzdem unzufrieden. Seine Füße stehen unbeteiligt auf dem Schrankteil, das Pedal darunter funktioniert nicht. "Das sorgt eigentlich wie in einer Disco für ordentliche Bässe, den tiefen Klang", erklärt der 48-Jährige. Doch in Fehrbellin könne der Organist seine Füße zu Hause lassen, scherzt der Pfarrer. "Denn die Orgel spielt nur zur Hälfte."

Nicht nur das Pedal muss repariert werden. Nur ein Manual funktioniert. Das zweite ist defekt. Ebenso wie die Hälfte der Register des Instruments, das der bekannte Thüringer Orgelbauer Wilhelm Heerwagen vor 143 Jahren extra für die Fehrbelliner Kirche hergestellt hat. Der alte Motor, der 1930 eingebaut wurde, brummt leise vor sich hin. Auch der müsste durch einen neuen ersetzt werden. "Das ist eine große, eine fantastische Orgel, wenn alles funktioniert", erklärt Sehmsdorf.

Noch fehlt etwa die Hälfte der Summe, die zur Sanierung der historischen Orgel gebraucht wird.
Foto: Gerd Engelsmann
 
50 Euro kostet eine Heerwagen-Orgel-Aktie. Dafür gibt es eine Spendenbescheinigung und achtmal freien Eintritt zu Konzerten auf der restaurierten Orgel.
Foto: Gerd Engelsmann
 
Das Instrument wurde vom berühmten Orgelbauer Wilhelm Heerwage eigens für die Fehrbelliner Kirche gebaut.
Foto: Gerd Engelsmann

Wenn alles funktionieren soll, so wie es sich der Pfarrer vorstellt, dann braucht seine Kirchengemeinde dafür 53.000 Euro. Soviel nämlich würde die Sanierung der Orgel kosten. 24.000 Euro hat Sehmsdorf derzeit zusammen durch Spenden aus seiner 900 Mitglieder zählenden Kirchengemeinde und Fördermittel der Union Evangelischer Kirchen sowie des Vereins zur Sanierung historischer Orgeln. Dass noch nicht einmal die Hälfte des Geldes da ist, macht Sehmsdorf keineswegs traurig.

Not macht auch in Fehrbellin erfinderisch. Und so ist Markus Sehmsdorf auf eine recht ungewöhnliche Idee gekommen, um Geld für die Orgel aufzubringen. Er gibt Heerwagen-Orgel-Aktien heraus. 50 Euro kostet das Papier, und statt satter Dividende verspricht der Pfarrer kulturelle Genussrechte. Dem Aktienkäufer winkt in den kommenden zwei Jahren freier Eintritt in acht Orgelkonzerte. "Natürlich ist dann die Heerwagen-Orgel schon restauriert", sagt Sehmsdorf. Denn Konzerte auf einer halben Orgel, nein, die biete er nicht an. Schon im November soll es mit der Restaurierung los gehen.

Eine Firma aus Eberswalde ist damit beauftragt worden. Ein ambitioniertes Unterfangen. Denn von den 500 Aktien, die Sehmsdorf hat drucken lassen, wurden bisher 84 verkauft. "Die meisten davon vor Ort", erzählt der Pfarrer. Aber auch Berliner gehören nach seinen Worten zu den "Aktionären". Sehmsdorf hofft aber, dass die Aktien größeren Zuspruch erhalten, wenn das Projekt bekannter gemacht wird.

Sehmsdorf ist nicht so ganz allein auf den Gedanken mit der Wertpapierausgabe gekommen. "Meine Schwester war das", verrät er. Sie sei Regisseurin und habe die Aktien-Idee für die Opernale auf Schloss Griebenow entwickelt. "Bei einem Besuch habe ich dann gesehen, wie es funktioniert und habe es dann auf die Orgel umgemünzt", erklärt Sehmsdorf.

Wärme von vier Koksöfen

Um zu zeigen, welche Arbeit die Restauratoren leisten müssen, steigt Sehmsdorf auch gerne die schmale Holzstiege hinauf in das Herz der Orgel. In den Querbalken haben sich die Kalkanten verewigt, die früher die Bälge für die Luftversorgung des Instruments getreten haben. Jahreszahlen wie 1888 und 1892 sind noch immer in schwarzer Schrift auf den Balken zu lesen.

729 Orgelpfeifen gibt es hier, einige aus Zink, viele aus Holz. "Die müssen alle herausgenommen und generalüberholt werden", sagt der Pfarrer. Vor allem die Ofenheizung, die es einst in der Kirche gegeben habe, sei nicht gut gewesen für die Orgel. Bis in die 1950er-Jahre spendeten vier große Koksöfen während des Gottesdienstes in der Kirche Wärme.

Die 1867 von Friedrich August Stüler errichtete Kirche mit ihrem 41 Meter hohen Turm erstrahlt bereits seit 2004 in neuem Glanz. Der Kirchturm und das Dach wurden erneuert, die Fenster ausgetauscht. 550 Menschen haben in der Kirche Platz beim Gottesdienst oder bei Konzerten. Der erhöhte Altarbereich kann auch als Bühne genutzt werden. Pfarrer Sehmsdorf will dort im nächsten Jahr stehen und die Besucher begrüßen: Zum Konzert auf einer restaurierten Orgel.

Weitere Informationen zur Kirche und dem Erwerb der Aktie finden Sie im Internet unter www.kirche-fehrbellin.de

Berliner Zeitung vom 04. Oktober 2013

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