Endlich läuten die Glocken

von Henry Klix

Mit einem Gottesdienst wird am 1. Advent die Sanierung der Töplitzer Kirche gefeiert. Eine zerschossene Glocke wird zum Denkmal

Etwas dezenter. Die Fassadenfarbe hat sich wieder der ursprünglichen Fassung von 1739 angenähert und leuchtet nicht mehr ganz so gelb.
Fotos (3): Henry Klix
"Friede" weggesprengt. Das Glockenfragment wird jetzt am Kirchportal aufgestellt.
 
Froh über Sanierungsabschluss. Pfarrer Viebeg, hier mit einem Kirchenmodell.

Werder (Havel) - Türen werden gestrichen, Kirchenbänke aufgestellt, Besen und Schrubber wirbeln umher. Wer stehen bleibt, wird von den Kirchenleuten, die zwischen den Bauleuten umherflitzen, angesprochen: "Wollen Sie helfen?" Gewusel am Freitag im Töplitzer Gotteshaus: Über ein Jahr war es wegen der Bauarbeiten geschlossen. Am 1. Advent wird der Abschluss der Sanierungsarbeiten mit einem Festgottesdienst mit Superintendent Thomas Wisch gefeiert. Erstmals werden dann auch wieder die beiden Turmglocken läuten, die aus statischen Gründen monatelang schweigen mussten. Bis dahin ist noch zu tun.

Pfarrer Hans-Jürgen Viebeg gab den PNN am Freitagmorgen eine Führung durch alle Etagen seiner Kirche, ein Slalom durch Farbtöpfe, Kärcher und Bohrmaschinen. Oben in Turm und Dachstuhl gab es seit Jahren massive Probleme und Bauexperten hatten zuletzt gewarnt, dass das ganze Dach runterkommen kann. "Als die tragenden Balken freigelegt waren, wunderten wir uns tatsächlich, dass uns nichts auf den Kopf gefallen ist", so Viebeg. Akute Gefahr habe nicht bestanden. Es war aber höchste Zeit.

Wie mit orthopädischen Gliedmaßen wurden seit Oktober 2012 die kaputten Balken verschient und ausgeschuht oder komplett gewechselt. "Die Zimmerleute leisteten den Hauptanteil bei der Sanierung", so Viebeg. Auch andere Gewerke mussten ran: Das Mauerwerk musste trockengelegt, der Kirchbau innen und außen neu verputzt werden. Dach, Fenster und Elektrik wurden teilweise erneuert. Die Fassadenfarbe ist jetzt weniger leuchtend, entspricht laut einem Farbgutachten aber eher dem Ursprungszustand des denkmalgeschützten Baus.

Auch die verrostete Wetterfahne mit dem Baujahr glänzt jetzt wieder golden von der Turmspitze, mit Kugel und Zeitkapsel. Die Dokumente darin wurden teilweise ausgetauscht. 1986 war die Kapsel zuletzt bestückt worden, mit Ostmark, zwei Kirchenzeitungen, Kirchendokumenten und einer Ausgabe der "Brandenburgischen Neuesten Nachrichten" mit ganzseitigem Aufmacher vom 11. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei: "Begeisterte Zustimmung für eindrucksvolle Bilanz und für weitsichtigen Ausblick bis in das Jahr 2000", heißt es in der Überschrift. Die Bilder dazu erinnern aus der Gegenwartsperspektive an Nordkorea. Viebeg ist heilfroh, dass das SED-Regime nicht so lange durchgehalten hat.

Die Kirche hat alle Zeitenwechsel überlebt, nur den Zweiten Weltkrieg hätte sie fast nicht überstanden: 1945 wurde von Phöben aus eine russische Granate auf den Kirchturm gefeuert. Der Turm wurde beschädigt, eine der Glocken musste ersetzt werden. Von der Gravur "Friede auf Erden" blieb nur das "Erden" erhalten, das Glockenfragment wird jetzt zum Gedenken an die Kriegsopfer am Portal aufgestellt.

Viebeg schätzt, dass die Kirche seit sieben Jahrhunderten steht und immer wieder umgebaut oder erneuert wurde. Teils wurde altes Material verwendet, aus dem unteren Fassadenrand lugen immer noch die uralten Feldsteine aus den mittelalterlichen Vorgängerbauten. Auch das uralte Fachwerk im Turm stammt von einem früheren Bau. Seit dem barocken Kirchenumbau 1739 war es unter dem Putz nicht mehr sichtbar ein großes Thema bei der Sanierung: Unter dem Fassadenputz hatte sich tückische Feuchtigkeit gebildet.

Als die Kirche 1987 renoviert wurde, fehlte das Geld für tiefergreifende Erneuerungen an der Substanz. Es sei auch noch nicht ganz so dringlich gewesen, sagt Viebeg. Diesmal wurden über 300 000 Euro verbaut. Das Geld wurde bei der Stadt Werder, beim Kirchenkreis, bei der Landeskirche und in der Gemeinde zusammengestottert. Es gab auch Benefizaktionen wie eine Kunstauktion des Havellandart-Vereins. Der Löwenanteil von 200 000 Euro kam aus einem Fördertopf zur ländlichen Entwicklung der EU.

Die Kirchengemeinde hat derweil mit der nächsten Sammlung begonnen: Die 150 Jahre alte Gesell-Orgel auf der Empore spielt zwar noch, Klaviaturen und Trakturen müssen aber erneuert, das Pfeifenwerk restauriert werden. Ein Sponsor finanziert die Wiederherstellung von Prospektpfeifen, die im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen wurden.

Festgottesdienst am 1. Dezember um 14 Uhr, An der Havel 67. Anschließend Kaffeetrinken im Hotel Mohr

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 30. November 2013

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