Neben dem Christkind bröckelt das Gold

von Yvonne Jennerjahn

Dorfkirchen warten weiter auf Hilfe

POTSDAM/PRENZLAU - Noch sind die Wangen des Christkindes und die Lippen der gekrönten Madonna rot. Doch Marias goldener Heiligenschein ist von Rissen durchzogen, daneben ist bereits Goldfarbe abgeblättert: Die rund 500 Jahre alten Altar-Skulpturen aus der evangelischen Dorfkirche von Dedelow bei Prenzlau brauchen dringend Hilfe. Brandenburgs Kulturministerin Sabine Kunst (parteilos) und Pröpstin Friederike von Kirchbach haben deshalb am Donnerstag eine Spendenkampagne gestartet.

Mit der Aktion "Vergessene Kunstwerke brauchen Hilfe" sollen rund 60 000 Euro zur Rettung der historischen Kunstschätze der Dorfkirche in der Uckermark eingeworben werden. Nicht nur Maria und das Kind müssen konserviert werden, auch der auferstandene Christus von Dedelow braucht neue Farbe, die um 1600 geschaffenen Papierholzschnitte der Kanzel müssen restauriert und der stark beschädigte Deckel der Taufe aus dem 17. Jahrhundert repariert werden.

Die Ausstattung der mittelalterlichen Dorfkirche gelte als eines der eindrucksvollsten Ensembles der Renaissance und des Barock in Brandenburg und sei ein "wunderbares Lehrbuch" der sozialen und religiösen Geschichte der Mark, sagt Landeskonservator Thomas Drachenberg. Die Kunstwerke seien "in einer seltenen Vollständigkeit erhalten".

Konservierung und Restaurierung sollen in mehreren Schritten vor sich gehen: Für die Notsicherung des Altaraufsatzes mit Madonna und Kind werden 5000 Euro benötigt, für die Taufe weitere 5000 Euro, die Sicherung der Papierholzschnitte kostet rund 6000, ihre Restaurierung rund 12 000 Euro. Auch ein Gemäldezyklus im Kirchenschiff soll überarbeitet werden. Zudem müsse auch ein größeres Leinwandgemälde im Turmraum dringend restauriert werden, sagt Werner Ziems vom Landesdenkmalamt. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz müsse die kostspielige Aufgabe bewältigen, mehr als 60 000 schützenswerte Kunstgüter in ihren Dorfkirchen zu bewahren, fasste die Pröpstin und Stellvertreterin des Bischofs zusammen. Die Spendenkampagne trage dazu bei, dass wertvolle Kunst gesichert werde, sagt die Kulturministerin. Die Kunstschätze müssten auch als "Dokumente unserer Geschichte" und "Biographien der Menschen vor Ort" für spätere Generationen erhalten werden, betont Kirchbach. Die Kampagne ist die fünfte Spendenaktion zur Rettung gefährdeter Kunstschätze aus Brandenburgs Kirchen. Vor einem Jahr wurde die Spendenaktion für den Renaissancealtar der Dorfkirche von Laubst in der Lausitz gestartet. Rund 6000 Euro für die etwa 30 000 Euro teure Restaurierung sind bislang eingegangen, sagt Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg.

In den drei Taufengel-Kampagnen "Menschen helfen Engeln" in den Jahren davor seien mehr als 70 000 Euro Spenden zusammengekommen, erzählt Janowski. 30 der hölzernen Skulpturen konnten damit erhalten werden. "20 bis 40 Engel brauchen weiter Hilfe", sagt Drachenberg.

Die Kampagnen hätten auch einen wichtigen Beitrag zur Forschung geleistet, betont der Landeskonservator: "Wir wissen jetzt, wo bisher unbekannte Engel waren, und wir haben neue gefunden." Von 197 märkischen Taufengeln sei man noch vor einigen Jahren ausgegangen, jetzt weiß man, dass es mindestens 221 sind. Bestände und Forschungsstand sind in der neuen Dokumentation "Taufengel in Brandenburg" erfasst, die in dieser Woche veröffentlicht wurde.

Yvonne Jennerjahn

Potsdamer Neuste Nachrichten vom 20. Dezember 2013

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