Rettung in letzter Sekunde

Viola Petersson

Die Dachkonstruktion der Golzower Kirche war massiv geschädigt.
© MOZ/Thomas Burckhardt

Chorin (MOZ) Der "Kammerjäger" ist wieder abgezogen. Er hat sein Werk vollbracht. Die Schädlingsbekämpfung ist abgeschlossen. Der zweite Bauabschnitt bei der Sanierung der Kirche Golzow nähert sich seinem Ende. Das Gotteshaus gilt als gerettet.

Vorsichtig öffnet Michael Römer ein kleines, hölzernes Kästchen. "Die ist tot", sagt der Chef der Schädlingsbekämpfungsfirma BioTec aus Wilhelmshaven und zeigt auf die Larve. "Alle Wiederbelebungsversuche sind gescheitert", fügt er scherzhaft hinzu. Überzeugt, dem Hausbock den Garaus gemacht zu haben.

Und nicht nur dem. Sondern auch den Holzwürmern und dem Echten Hausschwamm. Etliche Tage war das Team um Römer den unliebsamen Gästen, die vor allem das Dachgebälk massiv geschädigt und teilweise zerstört sogar hatten, zu Leibe gerückt.

Per Gas. Sulfuryldifluorid (kurz SF-Gas genannt) kam dabei zum Einsatz. Ursprünglich waren für das Verfahren in Golzow 72 Stunden geplant. "Aufgrund der Wind- und der baulichen Verhältnisse in der Kirche brauchten wir jedoch länger", erklärt Römer. Man habe die Aktion ausgedehnt. Und natürlich mehr Material aufwenden müssen. Nachschub war nötig, zusätzliche Flaschen SF-Gas wurden geordert.

Das Gotteshaus war während des Begasens komplett gesperrt, ebenso wie der Friedhof. "Die Golzower haben sich an die Sicherheitsbestimmungen gehalten", zeigt sich der Wilhelmshavener zufrieden. Nein, es habe keinerlei Zwischenfälle gegeben.

Drei Wochen später: Nichts erinnert mehr an die Jagd nach den "Holzfressern", an den Einsatz von SF-Gas. Dem ersten im Rahmen einer Schwammsanierung im Landkreis Barnim überhaupt. Die Planen sind gefallen. Nach einer großen Lüftungsaktion fängt dieser Tage der Elektriker an. Die Erneuerung der Elektroanlage ist der letzte Part innerhalb des zweiten Bauabschnitts. Die Auswertung einiger Proben steht zwar aus. "Beim Hausschwamm warten wir noch auf die Ergebnisse", sagt Thomas Polster vom örtlichen Heimatverein. Dennoch gehen die Golzower davon aus, dass die Schädlinge erfolgreich bekämpft sind.

Die Dachkonstruktion, das Tragwerk ist technisch wiederhergestellt, wie Klaus Schmidt vom Architekturbüro bestätigt. Viele Hölzer und Dachbalkenköpfe mussten ausgetauscht und ersetzt werden. "Die Kirche ist gerettet", zeigt sich Pfarrerin Beatrix Spreng erleichtert. "Wir haben sie erhalten." Dies sei ein großer Schritt. "Es ist toll: Das haben wir geschafft", unterstreicht Spreng voller Stolz und dankt zugleich allen Mitstreitern. Immerhin drohte das Gotteshaus einzustürzen, erinnert die Pastorin an die akute Gefahr und die Notsicherung. Das Schicksal sei entschieden.

Gleichwohl könne diese Etappe nur ein erster Schritt sein, weiß Spreng um die Anstrengungen, die auch künftig nötig sind. Das Erreichte, sagt sie, wecke nun natürlich "die Sehnsucht, sich dem Schmuck der Kirche zuzuwenden". Zu den Charakteristika des Gotteshauses Golzow gehört eine reiche Innenausmalung. Wegen dieser hatten die Experten in puncto Schwammsanierung eben nicht die klassische Methode oder das thermische Verfahren, eine Wärmebehandlung, gewählt, sondern auf das Begasen gesetzt. Zu groß wären sonst die Folgeschäden gewesen. Die Innengestaltung des Kirchenschiffes wäre Gegenstand eines notwendigerweise folgenden, dritten Bauabschnittes, ergänzt Polster. Derzeit macht das Gotteshaus aufgrund des Umfangs der Sanierung den Eindruck eines Rohbaus.

Und: "Wir haben die Kirche freilich auch gerettet, um sie jetzt wieder mit Leben zu füllen", sagt Beatrix Spreng. Kirchgemeinde und Kommune streben unter anderem eine touristische Nutzung an. An Ideen mangelt es nicht.

Nach dem Abschluss des zweiten Bauabschnittes wollen die Golzower jedoch zunächst den Erfolg und die Wiedereinweihung feiern. Mit einem Konzert. Mehr als ein Jahr lang war die Kirche sozusagen Baustelle. Für diese Etappe hatte die Kirchengemeinde Fördermittel aus dem EU-Programm "Integrierte ländliche Entwicklung" eingeworben. Wegen des Ausmaßes der Schäden, die Pilz und Getier über die Jahrzehnte angerichtet hatten, haben sich die Arbeiten verteuert. Ursprünglich waren 350 000 Euro veranschlagt. Der Landkreis hilft aus der Klemme.

Märkische Oderzeitung vom 18. März 2014

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